(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse IV 1916 Heft 1"



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 

FÜK 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S. FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 

UNTER STANDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr. Karl. Abraham, Berlin. — Dr. Ludwig Binswanger, Kreuzungen. — 
Dr. A. A. Brill, New York. — Dr. Trigant Burrow, Baltimore. — Dr. J. van 
Emden, Haag. — Dr. M. Eitingon, Berlin. — Dr. Paul, federn, Wien. — 
Dr. Eduard Hitschmann, Wien. — Dr. H. v. Hüg-Hellmuth, Wien. — Dr. L. 
Jekels, Wien. — Prof. Friedr. S. Krauss, Wien. — Dr. J. T. Mac Curdy, New 
York. — Dr. i. marcinowski, Sielbeck. — Prof. Morichau-Beauchant, Poitiers. 

— Dr. J. H. W. van Ophuijsen, Haag. — Dr. C. r. Payne, Wadhams, N. Y. — 

— Dr. OSKAR PFISTER, ZÜRICH. — PROF. JAMES J. PUTNAM, BoSTON. — Dr. THEODOR 

Reik, Berlin. — Dr. a. W. van Renterghem, Amsterdam. — Dr. Hanns 
Sachs, Wien. — Dr. J. Sadger, Wien. — Du. A. Stärcke, Den Dolder. — Dr. M. 
Stegmann, Dresden. — Dr. Victor Tausk, Wien. — Dn. M. Wulff, Odessa. 



IV. JAHRGANG, 1916/17 




1918 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 






. 



K. u. K. Hofbuchdrucfccrci Karl Prochaska in Teschen. 



Inhalt des IV. Jahrgangs. 



Originalarbeiten : Seite 

Abraham Karl, Dr.: Untersuchungen über die früheste prägenitale 
Entwicklungsstufe der Libido 71 

— — Über Ejaculatio praecox « 171 

Ferenczi S., Dr.: Über zwei Typen der Kriegsneurose 131 

Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen 146 

Pollution ohne orgastischen Traum und Orgasmus im Traume ohne 

Pollution 187 

Von Krankheits- oder Pathoneurosen 219 

Freud S., Prof.: Über Triebumsetzungen inbesondere der Analerotik . . 125 

Metapsychologische Ergänzung zur Traumlelire 277 

Trauer und Melancholie 288 

X Jones Ernest, Prof.: Professor Janet über Pychoanalyse 34 

X Meyer F. Adolf: Dr. CG. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse . 302 
Ophuijsen van, Dr. J. II. W.: Beiträge zum Männlichkeitskomplex der Frau 241 
Putnam James J., Prof.: Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen 

Bewegung 1 

Reik Th., Dr.: Beitrag zur psychoanalytischen Affektlehre 148 

Stärcke J., Dr.: Aus dem Alltagsleben 21, 98 

Tausk Viktor, Dr.: Zur Psychologie der Deserteurs 193, 229 

Mitteilungen : 

Abraham Karl, Dr. : Einige Belege zur Gefühlseinstellung weiblicher Kinder 

gegenüber den Eltern 154 

Das Geldausgeben im Angstzustand 252 

Davidson, Prof. : Erklärung eines Alptraumes 207 

Ferenczi S., Dr.: Affektvertauschung im Traume 112 

Sinnreiche Variante des Schuhsymbols der Vagina 112 

Schweigen ist Gold 155 

— — Träume der Ahnungslosen 208 

Die psychischen Folgen einer Kastration im Kindesalter 263 

— — Symmetrischer Berührungszwan» 266 

Pecunia— ölet 327 

Freud S., Prof.: Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangs- 
vorstellung 110 

— — Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom . . .111 

iiaimann H.: Eine Fehlhandlung im Felde 269 

J. — s.: Aus einem Briefe Heines 159 

Kar dos M., Dr.: Zur Traumsymbolik 113 

Aus einer Traumanalyse 267 



I V Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Kaplan M., Dr.: Der Beginn eines Verfolgungswahnes 330 

Reik Th., Dr.: Vom Seelenleben eines zweijährigen Knaben 329 

Reitler R., Dr.: Eine anatomisch-künstlerische Fehlleistung Leonardos 

da Vinci 205 

Sachs Hanns, Dr.: Drei Fälle von „Kriegs" -Verlesen 159 

Strindberg über Eifersucht und Homosexualität 210 

Sadger J., Dr.: Kleine Mitteilungen aus der psychoanalytischen Praxis . 48 

Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln und Mondsucht 254 

Spielrein S., Dr.: Die Äußerungen des Ödipuskomplexes im Kindesalter 44 
Tausk Viktor, Dr.: Über eine besondere Form von Zwangsphantasien . . 52 

— — Zur Psychopathologie des Alltagslebens 156 

Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über Ejaculatio praecox" . . . 315 

Kritiken und Referate: 

Adler und Furtmüller: Heilen und Bilden (Dr. Ferenczi) 115 

Bleuler E.: Physisch und Psychisch in der Pathologie (Dr. Ferenczi) . 119 

— — Lehrbuch der Psychiatrie (Dr. E. Hitschmann) 164 

Bliss Sylvia: Der Ursprung des Lachens (E. Jones) 63 

Bond E., D. : Personality and Outcome in 200 Consecutive Gases (E. J o n e s) 65 
Burrow Trigant: Character and the Neuroses (E. Jones) 66 

XClaparede Ed.: Rßve satisfaisant un d&ir organique (Dr. Ferenczi) . . 345 

Dunlap K night: The pragmatic Advantage of Freudo-Analysis 66 

Eulenburg A.: Moralität und Sexualität (Dr. Hitschmann) 164 

Fischer A., Prof.: Untergründe und Hintergründe des Bewußtseins 

(Dr. H. Sachs) -. . 214 

GroddeckG. : Die psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung 

organischer Leiden (Dr. Ferenczi) 346 

Hall Stanley: A Synthetic Genetic Study of Fear (E. Jones) 55 

The Freudian Methods applied to Anger (E. Jones) 60 

— — Thanatophobia and Immortality (E. Jones) 61 

Hoop J. H. van der: De psycho-analy tische Methode (Autoref.) 340 

Jelgersma J., Prof : Een geval van hysterie psychoanalytisch behandelt 

(van Ophuijsen) 342 

Kaplan Leo: Psychoanalytische Probleme (Dr. Ferenczi) 120 

Kisch H., Prof.: Die sexuelle Untreue der Frau (Dr. H. v. Hug) .... 272 
Kutzinski A.: Bemerkungen zur Psychopathologie der sog. Intestinal- 

neurosen (Dr. Hitschmann) 165 

Meyer Adolph T.: Winkler kontra Freud (Autoref.) 343 

M y e r s o n : Hysteria es a Weapon in Marital Conflicts (E. J o n e s) . . . . 65 
Nederlandsch Tijdschxift voor Genecskunde (v. Ophuijsen) . . . . 342 
Ophuijsen J. H. W. van: Prof. Winkler en de psycho-analyse (Autoref.) 343 
P fister Oskar, Dr. : Das Kinderspiel als Frühsymptom krankhafter Entwicklung 

(Dr. H. v. Hug-Hellmuth) 213 

Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher (Dr. H. v. Hug-Hellmuth) 344 

P 1 ac z e k Dr. : Selbstmordverdacht und Selbstmordverhütung (Dr. H. v. H u g- 

Hellmuth) 122 

Freundschaft und Sexualität (Dr. H. v. Hug-Hellmuth) . . . .212 

Putnam J. J.: Presidential Adress before the American (E. Jones) . . . 64 

The Work of Adler (Dr. Ferenczi) 161 

Psychopathological Association 54 

Schultz J. H,: S. Freuds Sexualpsychoanalyse (Dr. Ferenczi) . . . .270 



Inhaltsverzeichnis. V 

Seite 

Stuchlik J. : Über Psychoanalyse (Autoref.) 165 

Einige statistische und psycholog. Betrachtungen (Autoref.) .... 166 

— — Über Psychosebegriff (Autoref.) 167 

Tait W. D.: The Effect of psychophysical attitudes on Memory (E. Jones) 65 
T h o m p s o n E. R. : An Inquiry into some Questions connected with Imagery 

in Dreams (E. Jones) 64 

Winkler C, Prof.: Het Stelsel von Prof. S. Freud (van Emden) ... 332 

Sprechsaal : 

Ostwald über die Psychoanalyse. Von Dr. S. Ferenczi 169 

Zur psychoanalytischen Bewegung : .... 68, 124, 170, 216, 274, 348 



Originalarbeiten. 



i. 

Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen 

Bewegung. 1 ) 

Von James J. Putnam (Boston). 
(Übersetzt von **.) 

Die Ansicht, daß die psychoanalytische Bewegung einen der bedeut- 
samsten Fortschritte in der modernen Medizin darstellt, veranlaßt mich, 
einige der wichtigsten praktischen Erwägungen und wissenschaftlichen 
Prinzipien, die dieser Bewegung zu Grunde liegen, zur Erörterung zu 
bringen. Sie bedarf noch einiger Einschränkungen und Vorsichtsmaßregeln 
und wird gewiß noch verändert und ergänzt werden, doch ist das kein 
Grund, sie nicht anzuerkennen. Nicht nur die Neurologen, sondern alle 
Ärzte, die mit psychoneurotischen Erkrankungen zu tun haben oder die 
über die Erziehung von Kindern zu Rate gezogen werden, aus denen 
später Patienten werden könnten, müssen sich um sie bekümmern. 
Heute, wo man den kausalen Mechanismus dieser überaus störenden 
Krankheiten soviel besser versteht, dürften die Ärzte nicht einfach fort- 
fahren, den Hanptnachdruck bei der Diagnose immer noch auf die zufällig 
damit zusammenfallende Erkrankung eines einzelnen Organs oder eine Stoff- 
wechselstörung zu legen und als Therapie auch weiterhin nur auf andauernde 
Ruhe, Suggestion oder Überredung hinzuweisen. In vielen Fällen ist ihnen 
ja die Möglichkeit gegeben, kausale Einflüsse aufzudecken, die außer- 
ordentlich mächtig und dabei verhältnismäßig leicht zu beseitigen sind. 
Allerdings kann in speziellen Fällen Verschiedenes den Arzt zwingen, 
diese Möglichkeit bewußt außer acht zu lassen; aber auch das wird um 
so seltener vorkommen, je mehr geistig hochstehende Menschen den 
Mut gefunden haben werden, sich mit der psychoanalytischen Arbeit 
wahrhaft vertraut zu machen. 

Die psychoanalytische Behandlungsmethode ist mehr als ein neues 
Linderungsmittel. Sie beruht auf der Erkenntnis, daß die neurotischen 
Erkrankung en von Gefühlskonflikten herrühren, die der Patient ohne 

2 ) Nach einem Vortrag, gehalten im Mai 1913 in der Versammlung der Asso- 
ciation of American Physicians. (Mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse sah sich die 
Redaktion veranlaßt, die Absicht, die vorliegende Arbeit als Nr. 2 der „Beihefte" zu 
veröffentlichen, aufzugeben, und die Publikation im Rahmen der Zeitschrift erfolgen 
zu lassen.) 

Zoitsohr. f. ärztl. Psychoanalyse. IV/1. 1 






2 James J. Putnam. 

fremde Hilfe nicht verstehen kann, und versucht ihm zu ermöglichen, 
daß er sich durch Selbsterforschung und Selbsterziehung von den Wir- 
kungen dieser Konflikte frei mache. Es liegt dem Wesen der Methode 
fern, den Erfolg von einem unberechenbaren, von der Person des Arztes 
ausgehenden, magnetischen Einfluß abhängig zu machen. Sie ist, ganz 
im Gegenteil, für jeden erlernbar, der gesonnen ist, sich der Mühe, die 
diese Arbeit mit sich bringt, zu unterziehen. Es ist ein wesentliches 
Stück des Verfahrens, daß die Beziehungen zwischen Arzt und Patient 
zum Gegenstand sorgfältiger Erforschung gemacht und beständiger 
Kontrolle unterworfen werden. Ein gut geschulter Psychoanalytiker 
muß immer darauf bedacht sein, den Patienten zu ermutigen, daß er 
die Verantwortung für den Erfolg der Behandlung auf sich nehme und 
so mit dem Gefühl vollkommener Unabhängigkeit aus ihr hervorgehe. 

Es sollte zwischen den Verdiensten der psychoanalytischen Methode 
als solcher und ihrer Anwendbarkeit auf spezielle Fälle eine scharfe 
Unterscheidung getroffen werden. Viele Ärzte, die die ersteren zugeben, 
glauben letztere mit Recht beanständen zu können ; diese Arzte sind es 
ihren Patienten schuldig, die Richtigkeit ihrer Stellungnahme dadurch 
zu prüfen, daß sie die Methode gewissenhaft studieren, sie ihren Be- 
handlungen zu Grunde legen und überhaupt auf jede ihnen beliebige 
Weise erproben. Niemand kann die Wichtigkeit einer sorgfältigen Ana- 
mnese als Voraussetzung einer sorgfältigen Behandlung bestreiten, und 
jeder, der sich mit dem Studium der menschlichen Natur befaßt hat, 
weiß, daß ein Mensch, der mit Problemen und Trugschlüssen in seinem 
eigenen Innern zu kämpfen hat, nicht in der Verfassung ist, sich mit 
Problemen der Außenwelt zu beschäftigen. Nun ist es aber gerade Ziel 
und Zweck der Psychoanalyse, eine so vollkommene Anamnese J ) zu 
gewinnen, wie sie nie zuvor erlangt oder auch nur angestrebt wurde, 
und jedem Menschen in einer Weise, die kein Mißverständnis (weder 
ein Verstandes- noch ein gefühlsmäßiges) zuläßt, die wahre Natur der 
Konflikte klarzumachen, durch die er in seiner Kindheit litt und noch 
immer leidet. Diese inneren Konflikte stellen die Probleme auf, aus deren 
Lösung die Vernunft und die Sittlichkeit eines jedes einzelnen hervor- 
gehen sollten. Die psychoanalytische Behandlung aber ist eine Art 
konzentrierter Erziehung zur Vernunft, Moral und Sittlichkeit. 

Die Konflikte unserer Kinderzeit gehen nicht spurlos an uns vorüber. 
Ihre Ergebnisse leben tätig in uns fort, wirken mit Temperament und 
Charakter verwoben als innere Kräfte weiter und bestimmen alle unsere 
Gedanken und Handlungen. Es ist darum schwer einzusehen, warum nicht 
jeder, der sich mit dem Problem der Erziehung befaßt, freudig dieses 

') Ich gebrauche das Wort Anamnese im allgemeinsten Sinne und weiß sehr 
wohl, daß es nicht die richtige Würdigung für das Ergebnis der psychoanalytischen 
Untersuchung vermittelt. 



Allgemeine Gesichtspunkte znr psychoanalytischen Bewegung. 3 

neue Mittel ergreifen sollte, um jene Konflikte ans Licht zu bringen und 
dem Verstand wie der Moral zur Beurteilung vorzulegen. 

Es wird immer wieder gefragt: „Welchen Zweck hat es, den 
Patienten die längst verdrängten und vergessenen Gefühle, Versuchungen 
und Vergehen seiner Jugend erkennen zu lassen?" „Selbst bei einer 
aktuellen Unschlüssigkeit oder Versuchung ist die bloße Einsicht in ihre 
Art und Tragweite nicht gleichbedeutend mit dem Siege über sie; wenn 
man aber gezwungen wird, sich Kämpfe und Versuchungen ins Gedächtnis 
zurückzurufen, die man einst zu einem längst vergangenen Zeitpunkt 
nicht überwinden konnte, so ist das ein qualvolles Heraufbeschwören 
von Schwächen, die weit besser im Dunkel und in Vergessenheit ge- 
blieben wären. Eine Verdrängung kann ebensogut von Nutzen als von 
Schaden sein ; sie ist ein Mittel zum Fortschritt, das instinktiv gefunden 
wurde und sich als brauchbar bewährt hat." 

Aber obwohl es einem Siege der Moral oder Vernunft noch nicht 
gleichkommt, wenn man sich die Natur und Tragweite einer aktuellen 
Unschlüssigkeit oder Versuchung vor Augen hält, so ist es doch wenn die 
von dem Zweifel oder der Versuchung befallene Person den festen Willen 
dazu hat tatsächlich der erste Schritt zum Siege. Und was in dieser 
Hinsicht für aktuelle Konflikte zutrifft, gilt auch für die der Vergangen- 
heit angehöngen. Denn letztere bestehen fort und bilden die HaupM-und- 
lage der aktuellen Konflikte. Gegenargumente, wie die oben angeführten 
entspringen wahrscheinlich einem der vielen instinktiven Widerstände' 
die als Abwehrmittel einen Zustand von Kränklichkeit erhalten sollen^ 
einer Kränklichkeit, die von denselben Einflüssen genährt wird die sie 
ursprünglich ins Leben riefen, um sich ihrer als Kompromiß zu be- 
dienen. Ferner sollte man nicht vergessen, daß es das Endziel einer 
psychoanalytischen Behandlung ist, die Erinnerung und das Verständnis 
des Patienten zu jener fernen Kindheitsperiode zurückzuführen, in der 
er nicht eine klare, moralische Verpflichtung vernachlässigte, sondern 
halb unwissentlich unter die Herrschaft eines starken Triebes geriet der 
ihn dann durch die Annahme immer neuer Verkleidungen in seiner Macht 
behielt. Der Patient muß jedenfalls - wie jeder Mensch - in späteren 
Jahren die Verantwortung für die Gedanken und Handlungen jener 
Jlmdüeitspenode auf sich nehmen; unter glücklichen Umständen tut er 
dies von Vernunft und Einsicht geleitet, und dabei mag es ihm häufig 
gelingen, sich von seinen Begierden dadurch frei zu machen, daß er 
ihnen eine ihrer Verkleidungen nach der anderen abstreift, bis klar vor 
seinen Augen steht, was ihn vom richtigen Wege ablenkt. 

Was nun den angeblichen Nutzen der Verdrängung betrifft, so sollte 
man nicht vergessen, daß dieses Wort, wie viele andere, doppelsinnig ist. 
Es ist freilich von Nutzen, wenn man im Interesse der Sublimierung, 
der Vernunft oder Moral gehorchend, den Wunsch verdrängt, einer Ver- 



4 James J. Putnam. 

suchung, die man deutlich vor sich sieht, nachzugeben. Hingegen hat es 
geringen Wert, die Augen vor einer Versuchung zu verschließen, der man 
in Wahrheit nachgibt. Man kann eben nicht dem wahren Fortschritt 
huldigen und sich gleichzeitig Gedanken und Handlungen gestatten, deren 
Ungereiftheit mit Fortschritt im besten Sinne des Wortes unvereinbar ist. 
Schon der unbewußte Versuch, dies zu tun, erzeugt Kompromißbildungen, 
die in Gestalt nervöser Symptome oder Charakterdefekte zu Tage treten. 
Beide lassen sich mit großer Leichtigkeit auf den hier klargelegten 
Mechanismus zurückführen. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß von einer Anzahl von Ärzten 
eine starke gegen die Psychoanalyse gerichtete Strömung ausgegangen 
ist, während zu gleicher Zeit andere das größte Vertrauen in ihre Ver- 
heißungen setzen, und daß sich hervorragende Psychologen wie Laien 
von hoher Kultur unter ihren Vorkämpfern finden. Am gerechtesten 
könnte die Sache vielleicht — soweit das ohne spezielle Vorbildung 
überhaupt möglich ist — von einer Gemeinschaft von Männern beurteilt 
werden, die der Neurologie und Psychiatrie ferne genug stehen, um vor- 
urteilslos zu erscheinen. Ich könnte hier unmöglich auf alle Ursachen 
für die erwähnte Feindseligkeit eingehen. Auf den einen Punkt, der 
tatsächlich die Wurzel aller Gegnerschaft ist, nämlich auf die Frage der 
Sexualität, werde ich später noch zurückkommen. Vorerst will ich mich 
aber noch bei einer anderen Streitfrage aufhalten. Man macht häufig 
geltend, daß sich der Zustand von Patienten durch die psychoanalytische 
Behandlung verschlechtert, und führt auch spezielle Fälle als Beweis für 
diese Behauptung an. In der Tat haben dieselben Einflüsse, welche die 
hier behandelten schweren Erkrankungen hervorriefen — Einflüsse von 
angeborener oder akzidenteller Natur — , auch dieT endenz, Kraft und Willen 
des Patienten zur Zusammenarbeit mit dem Arzte zu schwächen, so daß 
sich letzterer in dieser Hinsicht auf manche Enttäuschung gefaßt machen 
muß. Diesen Umstand hat die feindlich gesinnte Partei benutzt, um darauf 
die oben angeführte Behauptung zu stützen. Doch wenn bei der Auswahl 
der Patienten genügend gewissenhaft vorgegangen wird, wenn der Arzt 
gut geschult ist und der Patient den ernsten Willen zur Genesung hat, 
so wird irgend ein Erfolg ihren vereinten Bemühungen fast immer zu 
Teil, selbst wenn vollkommene Wiederherstellung unmöglich ist. Die Aus- 
sichten auf Erfolg sind bei den verschiedenen Krankheitsformen, die 
psychoanalytisch behandelt werden, nicht die gleichen. Es wird gewöhnlich 
angegeben, daß Phobien und Angstneurosen am leichtesten, Zwangs- 
neurosen schwerer und die stark ausgeprägten Fälle von Melancholie am 
schwersten heilbar sind. Doch selbst den Zwangsneurosen ist mit der 
psychoanalytischen Behandlungsmethode eher beizukommen als mit irgend 
einer anderen Therapie. Daß manche Patienten sich instinktiv an ihre 
Krankheit klammern und schnell bereit sind, sich feindlich gegen den 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 5 

Arzt einzustellen oder seinen Anteil an der Besserung zu verkleinern, 
weiß jeder, der psychoneurotische Patienten nach irgend einer Methode 
behandelt hat. So unangenehm eine Krankheit sein mag, fühlt der Patient 
doch oft instinktiv, daß sie ihm besser im seelischen Gleichgewicht hält 
und Unannehmlichkeiten oder Konfliktmöglichkeiten erfolgreicher ab- 
wehrt als irgend ein anderes Ersatzmittel, das ihm zur Hand ist. Freilich 
geht diese Überlegung beim Kranken unbewußt vor sich, was aber nicht 
ausschließt, daß sie seine Haltung beeinflußt. Tatsächlich muß er sich 
erst über sie klar werden, ehe er genesen kann. 

Das eben Gesagte kann als Einleitung für die folgenden Ausführungen 
dienen, die sich mit den Schwierigkeiten befassen, auf die jeder Arzt 
stößt, der sich gründlich auf die Durchführung von psychoanalytischen 
Behandlungen vorbereiten will. Wenn diese sehr wesentlichen Schwierig- 
keiten nicht bestünden, wären zweifellos schon Berichte über zahlreichere 
und gründlichere Versuche mit der Methode, wie auch eine größere 
Anzahl auf persönliche Erfahrung gegründeter Kritiken zum Vorschein 
gekommen. 

Zwei Dinge müssen immer wieder von neuem betont werden. Erstens, 
daß Patienten mit Wahnvorstellungen, krankhafter Angst und ähnlichen 
Symptomen durch die psychoanalytische Behandlung eher als durch irgend 
eine andere in stand gesetzt werden können, ihr Leiden nach seiner 
wahren Natur zu erkennen und — in vielen Fällen — zu bezwingen. 
Zweitens, daß diese Aufgabe, so interessant sie auch für den Arzt wie 
für den Patienten sein mag, doch keine leichte ist. Jeder Arzt, der 
einigermaßen intelligent und gewissenhaft ist, kann sich in einem be- 
stimmten Ausmaß die von den Führern der psychoanalytischen Bewegung 
ausgearbeiteten Grundsätze zu nutze machen. Er kann auch durch Be 
hutsamkeit und Vorsicht vermeiden, daß in dem Patienten ein ernsterer 
Grad von Übertragung entstehe, von jener geistigen Abhängigkeit, die 
jeder Art psychischer Therapie so oft zum Vorwurf gemacht worden ist. 
Aber wirklich schwierige Fälle zu einer glücklichen Lösung zu führen, 
ist doch noch eine ganz andere Sache. 

Dem Psychoanalytiker der Zukunft wird eine umfassende Literatur 
und die praktischen Ratschläge, die Freud und andere hoffentlich auch 
fernerhin veröffentlichen werden, willkommene Unterstützung bieten. Ein 
gründliches Studium dieser glänzenden Kommentare muß jedem klar- 
machen, daß dem Arzte, der in der Psychoanalyse Erfolg haben will, 
die theoretische Kenntnis von der Psychologie des Unbewußten und etwas 
technische Geschicklichkeit nicht genügen kann. Selbstbeherrschung, Ge- 
duld und Aufrichtigkeit müssen sich bei ihm mit der unerschütterlichen 
Zuversicht verbinden, daß es dem Patienten allerdings mit Anspannung 
der ganzen Willenskraft tatsächlich möglich ist, die verborgenen Tiefen 
seines Seelenlebens zu enthüllen. Auch muß er von der Überzeugung 






6 



James J. Putnam. 



durchdrungen sein, daß niemals Rücksichten auf die augenblickliche Be- 
friedigung des Arztes oder des Patienten den ordnungsgemäßen Gang der 
Behandlung stören dürfen, daß ganz im Gegenteil beide von Beginn an 
darauf gefaßt sein müssen, der vor ihnen liegenden Arbeit nötigenfalls 
große Opfer zu bringen. 

Tatsächlich trat es den Führern der psychoanalytischen Bewegung 
im Laufe der Zeit immer klarer vor Augen, daß der Grund für einen 
Mißerfolg häufig in Charakterdefekten und Eigenheiten des Arztes zu 
suchen ist, da diese ihm das innere Vorbild, nach dem er den Patienten 
modeln will, entstellen und ihn so hindern, die im Patienten ruhenden 
Kräfte zur Entfaltung zu bringen. Nur wenige Menschen sind von der 
Natur so ausgestattet, daß sie sich vor solchen Verzerrungen sicher fühlen 
können. Deshalb gilt es jetzt als außerordentlich wichtig, ja als unum- 
gänglich notwendig, daß jeder Psychoanalytiker unter der Leitung eines 
Sachverständigen an seinem eigenen Seelenleben dieselbe Zergliederung 
vornehme, der er bei seinen späteren Behandlungen das Seelenleben seiner 
Patienten unterwerfen will. Übrigens kann die Anziehungskraft, die die 
psychoanalytische Arbeit auf wissenschaftliche Arbeiter vom besten Schlage 
ausübt, durch die Notwendigkeit einer derart gründlichen Vorbereitung 
nur gesteigert werden. 

Die Psychoanalyse, von deren Einfluß man häufig eine Herabsetzung 
des ethischen Niveaus beim Arzte, Patienten und der Gesellschaft über- 
haupt befürchtet, arbeitet auf die gerade entgegengesetzte Wirkung hin. 
Die Konflikte, mit denen sich die Psychoanalyse beschäftigt, verkörpern 
ja immer den Widerstreit zweier Interessen, von denen das eine zweifellos 
im Sinne einer höheren Entwicklung gelegen ist als das andere. Aller- 
dings gibt es auch Fälle, in denen die Genesung für den Patienten noch 
keinen Schritt zur höheren Entwicklung bedeutet, wenn nämlich die 
Kräfte, die miteinander in Streit gerieten, beide aus egoistischen Trieben 
entsprangen. Anderseits stößt man im Laufe jeder psychoanalytischen 
Behandlung auf Punkte, an denen es notwendig wird, die niedrigeren 
Regungen, die bis dahin die Hauptrolle spielten, durch edlere zu ersetzen ; 
häufig überschreitet der moralische Einfluß der Behandlung dieses Minimum 
noch bedeutend. Ursprünglich allerdings stellte man der Psychoanalyse 
nur die eine Aufgabe : Inhalt und Einfluß jener Triebregungen ans Licht 
zu bringen, die, außerhalb unseres Bewußtseins, im Banne der Verdrängung, 
immer noch den Zielpunkt für unsere unbewußten Wünsche und Begierden 
darstellen. Denn wenn man einem Menschen diese Triebregungen zum 
Bewußtsein bringt, gibt man ihm dadurch schon die Möglichkeit in die 
Hand, sie anders zu lenken und die Kenntnis ihrer Existenz zur Weiter- 
bildung seines Charakters zu verwerten. Man nahm gemeinhin au, daß 
die Aufgabe des Psychoanalytikers mit diesem ersten Schritte erschöpft 
sei. Nun kann er aber auch weiter gehen und braucht sich nicht auf die 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 7 

Verdrängungen sexueller Wünsche, die bisher allein in Betracht gezogen 
wurden, zu beschränken. Er kann seine Hilfe auch auf die Durchforschung 
der dunkel gefühlten, roh versinnbildlichten Gelüste, Verlangen und Er- 
kenntnisse ausdehnen, die jedem Menschen anhaften, mit Argwohn, Un- 
gläubigkeit, sogar mit Furcht betrachtet und in gewissem Sinne ver- 
drängt werden, die aber nach gründlicher Prüfung und Ermunterung eine 
feste Grundlage für den Aufbau des Charakters abgeben könnten. Wendet 
der Psychoanalytiker der Entwicklung und Veredelung dieser gleichsam 
verdrängten Triebe sein Augenmerk zu, so wird er wahrhaft zum Er- 
zieher, im besten Sinne des Wortes, und betritt damit ein Arbeitsfeld, 
das ihm wieder neue Verantwortlichkeit aufbürdet und neuerliche Vor- 
bereitung zur Pflicht macht. Die Psychoanalyse gründet sich auf kein 
Moralsystem und unterhält keine direkten Beziehungen zu irgend einer 
speziellen Lebensphilosophie, obwohl sie starken Nachdruck auf Ehrlich- 
keit und unverhüllte Aufrichtigkeit legt, von denen aus sich in dieser 
Hinsicht gut weiterbauen ließe. Sie selbst verkörpert einen Erziehun»s- 
abschnitt, der sich in den Hauptsachen den beiden ersten Teilen von 
Dantes Pilgerfahrt in das Leben der Seele vergleichen ließe. Zwingende 
praktische Gründe ließen nicht zu, daß der Psychoanalytiker seine Auf- 
gabe noch weiter ausdehnte und direkt auf Sublimierung im weitesten 
Sinne hinarbeitete. Es haben ja nur wenige Psychoanalytiker — wie über- 
haupt die wenigsten Ärzte — die für diesen Zweck erforderliche Aus- 
bildung genossen; sie meinten, nicht ganz mit Unrecht, daß Moral- 
erziehung nicht mehr in das Gebiet des Arztes falle. Auch ist die psycho- 
analytische Arbeit so schwierig, verlangt eine so besondere Ausbildung, 
eine so bestimmte wissenschaftliche Einstellung, daß — wie viele glaubten — 
keiner seinem Beruf und seinen Patienten gerecht werden könnte, der 
sich nicht ausschließlich den Problemen widmete, die ihm als wissen- 
schaftlich gebildeten Spezialisten aufstoßen. Wer mehr will, der wird, 
selbst wenn er die nötige Befähigung besitzt, wahrscheinlich nicht einmal 
soviel erreichen. 

Diese Ansichten haben entschieden vielerlei für sich, doch glaube 
ich trotzdem nicht, daß man die Frage damit als gelöst betrachten kann. 

Schließlich soll die Psychoanalyse ja ein Stück Erziehung dar- 
stellen; sie ist von Freud selbst als solches bezeichnet worden. So 
verschieden die Arten der Erziehung sind, wird doch immer ihr Ziel- 
punkt durch die Natur, den Ursprung und die Bestimmung des mensch- 
lichen Geistes festgesetzt. Wahrscheinlich wird der Psychoanalytiker der 
Zukunft aus dieser Erkenntnis noch großen Nutzen ziehen. Die Psycho- 
analyse darf sich auf ihrem schwierigen Wege, bei den großen Aufgaben, 
die sie zu erfüllen hat, weder ausschließlich von biogenetischen Methoden 
leiten lassen, noch von Grundsätzen, die beim Studium der anorganischen 
Natur gefunden, für spezielle Zwecke ausgearbeitet und so oft fälschlicher- 



8 



James J. Putnam. 



weise als endgültige Wahrheiten angesehen wurden. Diese Lehren geben 
nämlich keineswegs eine genügende Erklärung für die Arbeit des Geistes, 
noch dringen sie tiefer zum Ursprünge der Instinkte und Tropismen vor, 
die die Vorläufer jeder geistigen Tätigkeit gewesen sein sollen. Überdies 
besteht noch die Gefahr, daß die allzu ausschließliche Beschäftigung mit 
diesen Lehren die Aufmerksamkeit von jenen, viel bedeutsameren ab- 
ziehe, die Geist, Instinkte und chemische Vorgänge in gleicher Weise 
dem Einfluß einer selbsttätigen, sich fortwährend erneuernden Energie 
zuschreiben, welche nach immer vollkommeneren Ausdrucksmöglich- 
keiten strebt. 

Ohne hier die Frage noch weiter verfolgen zu können, will ich kurz 
als meine Überzeugung darlegen, daß das Studium der außerordentlich 
wichtigen Beziehungen zwischen dem Einzelleben des Individuums und 
dem Gesamtleben des Universums, ebenso wie das entsprechende Studium 
der Gesetze, auf denen die Geistestätigkeit beruht, unumgänglich nötig 
sind, um ein Verständnis für die bedeutende Stellung anzubahnen, die der 
psychoanalytische Erziehungsabschnitt in einem umfassenderen Erziehungs- 
system einnehmen würde. Es kann sein, daß die Schulung in vielen 
Dingen, von denen man jetzt wenig hält, bei dem Psychoanalytiker der 
Zukunft für unentbehrlich erachtet werden wird. Denn sicherlich ist das 
einzig logische Endziel für eine vollkommen durchgeführte psychoanalytische 
Behandlung die vollkommene Sublimierung. 

In erster Linie muß der Psychoanalytiker allerdings ein wissen- 
schaftlich gebildeter Spezialist sein, der vor allem darauf bedacht ist, 
sein spezielles Fach zu fördern. Doch muß es, wie in jedem Wissens- 
zweige, auch hier einerseits Männer geben, die sich ihrer Veranlagung 
nach am besten für die Beschäftigung mit speziellen Problemen eignen, 
und anderseits solche, denen auch die minutiöseste Detailarbeit dadurch 
erleichtert wird, daß sie sich das spezielle Problem in ein umfassendes 
System eingereiht denken. 

Auch ohne Vorkenntnisse wird man aus dem Vorhergehenden er- 
sehen haben, daß die psychoanalytische Forschung und Behandlungs- 
methode den Hauptnachdruck immer mehr auf die scheinbar vergessenen 
Jahre der zartesten Kindheit verlegt hat, auf jene geheimnisvolle und 
ereignisreiche Zeit, die wie keine andere zur Bildung des Charakters und 
Temperaments beiträgt, und in der' im Geiste jene Triebregungen erstarken, 
von denen sich der Erwachsene nur schwer freimachen kann. 1 ) Die wich- 
tigste Aufgabe, die vor dem Psychiater, dem Psychologen und dem Er- 
zieher liegt, ist die Erforschung dieser Triebe, sowohl derer, die zur 

') Die bedeutsamsten auf psychoanalytische Auffassung begründeten Beiträge 
zur Kinderpsychologie bringt die Monographie der Frau Dr. Hug- Hellmuth „Aus 
dem Seelenleben des Kindes". Siehe auch die Referate derselben Autorin in der 
Zeitschrift Imago unter dem Titel „Kinderseele". 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 9 

Verwirklichung der günstigsten Eutwicklungsmöglichkeiten verhelfen, wie 
auch derer, die alle Kräfte, die dies bewirken könnten, hemmen oder auf 
Abwege drängen. 

Ich brauche nicht erst zu sagen, daß die Ergebnisse der besprochenen 
Forschungen und die daraus gezogenen Folgerungen keinen Anspruch 
auf vollkommene Neuheit erheben ; gerade das macht sie ja bedeutungs- 
voll. Auch brachten es die Umstände mit sich, daß die psychoanalytischen 
Untersuchungen meistens an Menschen gemacht wurden, denen eine 
starke Belastung den Weg nach den höheren Lebenszielen erschwerte, 
so daß die Resultate vielleicht nicht überall den Beobachtungen ent- 
sprechen, die man an Menschen anstellt, denen der Weg zu diesen Zielen 
von Anfang an klar vor Augen lag. Ebensowenig darf man sagen, daß 
die Erlebnisse des Kindes unbedingt immer auf die des Erwachsenen 
schließen lassen. Ein Erwachsener kann Ideale bilden und Antrieben 
folgen, von deren Würdigung er als Kind weit entfernt war. Nur muß 
er dabei — bewußt oder instinktiv — die in seiner Kindheit erstarkten 
Triebe in Rechnung ziehen, wenn er sich nicht durch die Vernach- 
lässigung dieser Verpflichtung fortdauernde Hemmungen erwerben will. 

Wir sind so gewohnt, daß sich die meisten Kinder rasch in ziemlich 
befriedigender Weise entwickeln, so gewohnt, in ihnen nach den An- 
zeichen bald auftretender, wohl vertrauter, charakteristischer geistiger 
Merkmale zu suchen, daß wir darüber ganz versäumen, die etwa später 
bei ihnen auftretenden Störungen mit den in der ersten Kindheit betonten 
Trieben in Zusammenhang zu bringen, und vergessen, uns einen an- 
nähernd richtigen Begriff von ihrem unbewußten Seelenleben zu bilden. 
Nur ein sehr gewissenhafter Beobachter sieht die Unzahl von Gelegen- 
heiten, die sich jedem Kinde zum Abweichen vom normalen Wege dar- 
bieten, und erkennt, daß das Verhalten des Kindes, diesen Verlockungen 
gegenüber, vorbildlich für alle ähnlichen Fälle im späteren Leben 
bleiben wird. 

Es scheint, daß das Seelenleben des kleinen Kindes komplizierter 
ist, als man gewöhnlich annimmt. Viele Gründe leiten zu der Annahme 
hin, daß das Neugeborene schon eine gewisse Vertrautheit mit verschie- 
denen Gefühlen und Empfindungen mit auf die Welt bringt, die von 
einem dunklen Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, in der sie laut 
werden, begleitet sein müssen. x ) Darüber hinaus besteht noch die wahr- 
scheinlich unterschätzte Möglichkeit, daß außer solchen isolierten Wahr- 
nehmungen vage, aber immerhin komplizierte seelische Erregungen statt- 
finden vor und während der Geburt, und der Erinnerung einen gewissen 
Eindruck hinterlassen können. Wie dem auch sei, es steht fest, daß der 
Säugling die auf ihn eindringenden neuen Empfindungen rasch einzu- 

J ) Vgl. F. P et er so n, The Beginning of Life in the New Born, New York, 
und Ferenczi, Intern. Zeitschr. f. Psych. Bd. I. 



10 



James J. Putnam. 



ordnen beginnt, und zwar nach Gesichtspunkten, die sich nicht nur stark 
von denen der Erwachsenen unterscheiden, sondern sogar von denen 
etwas älterer Kinder, die schon gelernt haben, sich von vielen Quellen 
der Selbstbefriedigung, als einer überwundenen Periode angehörig, mit 
einem oft ganz unverhältnismäßig großen Widerwillen abzukehren. Dem 
Säugling scheint jede Erfahrung einen eigenen Reiz zu bergen; zum 
Teil ist das wohl der Reiz der Neuheit. Sogar die Furcht, die zur 
Komplikation der Situation bald hinzutritt, entfaltet eine besondere 
lockende Anziehungskraft. Wenn man sich mit den Erregungen beschäf- 
tigt, die sich von der Reizbarkeit der Haut und des Muskelsystems her- 
leiten, so wird einem bald klar, daß die Vorgänge beim Stillen, das 
Abreiben, Streicheln, Wiegen und Baden, jede Berührung mit Wärme, 
die Verdauung, die Vorgänge bei der Defäkation und dem Urinieren 
(insbesondere Reizungen der Körperöffnungen), jede zufällige Erregung 
der Genitalien, wie auch manche Bewegungen der Glieder, außer den 
Gefühlen und Reaktionen, die man als Begleiterscheinungen der normalen 
Entwicklung diesen Quellen zuschreibt, überdies Lustgefühle erzeugen, die 
jeder Erwachsene kennt, auch wohl als „sinnlich" zu mißbilligen lernte, 
ohne sie übrigens mit diesen besonderen Ursachen und dem Zweck, dem 
sie einst dienten, zusammenzubringen. Dem Kinde sind diese Gefühle 
anfangs natürlich und willkommen und dünken ihm nicht im mindesten 
verabscheuungswert. Für den Erwachsenen hingegen ist schon der bloße 
Gedanke an die Säuglingsperiode der Kindheit peinlich, da er wenigstens 
in vielen Details, Erinnerungen an Schmutz, Demütigung und Abhän- 
gigkeit heraufbeschwört; darum würdigt er diese Eigenheiten seiner 
Kinderzeit auch nicht in ihrer physiologischen und psychologischen 
Bedeutung als Vorbereitung für die wichtigen Funktionen seiner spä- 
teren Jabre. 

Doch ist es in der Tat nicht schädlich und besorgniserregend, son- 
dern notwendig und wünschenswert, daß das Kind vom Säuglingsalter 
an, der eigenen Person und den eigenen Kräften große Aufmerksamkeit 
zuwende, also eine gehörige Portion Egoismus besitze. Notwendig und 
wünschenswert ist auch bis zu einem gewissen Grade die Verstärkung 
dieser Aufmerksamkeit durch das besondere Element in den verschiede- 
nen, oben aufgezählten Erlebnissen (deren Anzahl ins Unendliche ver- 
mehrt werden könnte), das man später im mißbilligenden Sinne des Er- 
wachsenen als Sinnlichkeit bezeichnet. An und für sich sind diese Er- 
regungszustände nicht schädlich, werden es nur, wenn man sie eine zu 
große, anspruchsvolle Rolle spielen läßt, wenn man sie zu lange um ihrer 
selbst willen nährt, nicht als Vorstufe zu etwas Höherem, sondern ein- 
fach als Mittel zur Selbstbefriedigung und Selbsterregung nimmt. Der 
starke Egoismus der Kindheit, der aus dem Gefühl, sich diese sinnlichen 
Befriedigungen selbst verschaffen zu können, entspringt, ist von großem 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. \\ 

Werte für die normale Ausbildung des Selbstgefühls und des Individua- 
lismus. Allerdings kann der Egoismus auch stark sinnliche Erscheinungs- 
formen aufweisen und zu einer allzu buchstäblichen Selbstliebe, dem 
Narzißmus, der eine eigene Sexualbetätigung vorstellt, führen, oder kann 
auch wie alle Arten sinnlicher Lust einen übermäßigen Gefühlsaufruhr 
(Überempfindlichkeit, krankhaftes Selbstbewußtsein, krankhafte Selbst- 
kritik u. a. m.) hervorrufen, was aus ganz ähnlichen Gründen genau so 
unerwünscht wäre. Das Kind, das den sicheren Mittelweg wählt und da- 
bei die Betrachtung der umgebenden Gefahren zu seinem Vorteil ver- 
wertet, hat viel vor anderen voraus ; und glücklicherweise läßt das von 
uns als normal bezeichnete Entwicklungsresultat in weitem Spielräume 
bedeutende Schwankungen zu. Zweifellos würden uns die verschiedenen 
Gefahren und die Möglichkeiten des Abweichens deutlicher vor Au»en 
treten, wenn nicht die Tendenz, den normalen Entwicklungsgang zu 
gehen, genügend stark wäre, um alle Hindernisse ziemlich erfolgreich 
überwinden zu lassen. 

Mit anderen Worten : bis zu einem gewissen Grade, aber nicht 
darüber hinaus, soll das Kind sinnlich (im besten Sinne) veranlagt sein. 
Auch darf es sich nicht allzu nachdrücklich gegen ein vermeintliches 
Übermaß von Sinnlichkeit nach irgend einer Richtung hiu wehren • diese 
Auflehnung würde sonst ihrerseits zu einer Quelle der Gefahr einer 
Fixierung, werden. In der Zeit, in der das Kind mit dem schwierigen 
Problem der sinnlichen Lust, das sich mit jedem Monat und jedem Jahr 
kompliziert, Bekanntschaft macht, bildet oder betont es eine Reihe von 
Tendenzen, die die Gedanken und Handlungen seines ganzen späteren 
Lebens zu kennzeichnen pflegen. Auf Selbstkontrolle und das Gefühl 
von Verpflichtung, die in jener Zeit erst in ihrer Entstehung begriffen 
sind, ist noch nicht zu rechnen, und so kommt es, daß das Kind mehr 
oder weniger gezwungen ist, sich nach zwei verschiedenen Richtungen 
hin zu entwickeln und auf ein Doppelleben vorzubereiten, auf ein Leben 
mit bewußter und klarer Führung und Anerkennung der sozialen Bezie- 
hungen, auf ein anderes voll heimlich verborgener Phantasien und Erre- 
gungen. In diesem Leben ist es überdies ohne Gefährten, da niemand 
die Geheimnisse der symbolischen Sprache, durch die es sich seine neue 
Welt versinnbildlicht, vollkommen durchdringen kann. 

Selbst unter den günstigsten Umständen pflegt die besondere Art 
der Lustgefühle, die zuerst ihre Anziehungskraft auf das Kind ausübt, 
ihm Bahnen zu eröffnen, auf die es in unbewachten Augenblicken, wie 
in Träumen und Phantasien oder in schweren Zeiten gern zurückkommt, 
so wie wir alle in kleineren Dingen zum Ausgleich oder zur Erholung 
gern auf einfachere Lebensbedingungen zurückgreifen. Die Neigung zu 
dieser Regression ist um so stärker, je nachhaltiger der ursprüngliche Ein- 
druck und je gewaltsamer die erste instinktive Verdrängung war, welche 



12 



James J. Putnam. 



die Versuchung, die jener ausübte, den Blicken entzog. Eine instinktiv 
verdrängte Versuchung übt ihre Wirkung zwar weiter aus, verbirgt sich 
aber unter neuen Namen und Gestalten. Gerade dieser nachhaltige Ein- 
druck in Verbindung mit der frühzeitigen Verdrängung ist es, der der 
Sinnlichkeit im Kindesalter ihre große Bedeutung verleiht, eine Bedeu- 
tung, der sich noch die wichtige Stellung anreiht, die das sinnliche Ele- 
ment als Vorbereitung für die sexuelle Funktion der Pubertätszeit ein- 
nimmt. Aus folgenden Gründen kann man also das Leben des Säug- 
lings und des Kindes als stark (wenn auch natürlich nur teilweise) 
„sexuell" bezeichnen: 1. wegen der sinnlichen Elemente, die darin ent- 
halten sind und tatsächlich für die normale oder abnorme (invertierte 
oder pervertierte) Sexualentwicklung ausschlaggebend werden; 2. wegen 
der Neigung des Kindes, sich selbst (Eigenliebe, Narzißmus) oder die 
Personen seiner Umgebung (als neue Form der Liebe des eigenen Ab- 
bilds: frühreife, überstarke homosexuelle oder heterosexuelle Neigungen) 
zu Objekten allzu leidenschaftlicher Zuneigung zu wählen. 

Kinder weisen untereinander sichtlich große Unterschiede auf, einer- 
seits in dem Maße, in dem sie diesen besonderen sinnlichen Versuchungen 
schwerer oder leichter erliegen, anderseits in dem Grade, in dem sich 
bei ihnen in infantiler Form jene Gesinnung bemerkbar macht, die später 
zu Uneigennützigkeit und Pflichtgefühl wird und zu den schönsten 
Zukunftshoffnungen berechtigt. Trotzdem darf das Vorhandensein eines 
gewissen Grades von Egoismus und Sinnlichkeit (sit venia verbo) im 
Kindesalter absolut nicht als schlechtes Vorzeichen aufgefaßt werden. 

Vor jedem Kinde liegt die große Aufgabe, ein nützliches Mitglied der 
menschlichen Gemeinschaft zu werden; ein überaus wichtiger Teil dieser 
Aufgabe ist die Verpflichtung, die jeder einzelne für die Fortpflanzung der 
Rasse zu tragen hat. Die Natur schafft mit der peinlichsten Sorgfalt 
immer neue Antriebe zur Erfüllung dieser Aufgabe, da eine Unzahl von 
Samen zu Grunde gehen muß, ehe einer erfolgreich keimen kann. Nicht 
nur in der Jünglingsperiode sind die Antriebe zur Betonung der Sexual- 
gefühle zahllos und unendlich erfindungsreich; nicht nur an den Er- 
wachsenen tritt die ernste Versuchung heran, sich Vergnügungen hinzu- 
geben, die sich trotz ihrer Eignung, ungeheuren Nutzen zu bringen, oft 
zum Gegenteil kehren und die besten Entwicklungsmöglichkeiten lahm- 
legen. Auch bchon in der Säuglings- und Kindheitsperiode sind diese 
Antriebe und die Versuchungen, mit ihnen Mißbrauch zu treiben, gleich 
zahlreich und um so schwerer zu vermeiden, da sie unerkannt sind. Am 
gefährdetsten sind Kinder, die „sensitiv", „frühreif oder mit zügelloser 
Phantasie begabt sind ; am sichersten jene, denen von Anfang an dunkel 
ein Bild dessen vorschwebt, was sie erreichen können, die eine unklar 
gefühlte Verpflichtung zur Hingabe an etwas, die eigene Person Über- 
ragendes (seien das nun die Eltern, die Nation oder ein angenommenes, 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 13 

weltumfassendes Wesen, das größer und bedeutungsvoller ist als diese), 
so leitet und erleuchtet, daß es ihnen möglich wird, sich über die sinn- 
lichen Vergnügungen der Säuglingszeit zu stellen und von ihnen Nutzen 
zu ziehen, ohne ihnen zu frönen. Daß dies sehr selten gelingt, wird 
leider durch die vielen Menschen bezeugt, die sich trotz der glücklichsten 
äußeren Vorbedingungen voll Sehnsucht nach einem besseren Schicksale 
im inneren Elend verzehren, wie auch durch das häufige Vorkommen 
schwerer Neurosen und Psychoneurosen, Kompromißbildungen zwischen 
den Versuchungen der Kindheit mit dem dunklen Verlangen nach höheren 
Zielen. Glücklicherweise kann selbst verspätete Aufklärung darüber, wie 
auch die Möglichkeit, über die eigenen seelischen Konflikte mit jemandem 
zu sprechen, der gewohnt ist, das hellste Licht über sie zu breiten, 
immer noch Hilfe bringen. Die gegen jede Vernunft ankämpfende Leiden- 
schaft muß ja vor der Herrschaft von Verstand, Wissen und Einsicht 
weichen. Diesen aber bietet eine psychoanalytische Behandlung die beste 
Gelegenheit, ihre verlorene Machtstellung zurückzuerobern. 

Was für das Moment der Sinnlichkeit im Kindesalter gilt, behält 
seine Richtigkeit auch für verschiedene andere Gefühlskomplexe, die ihrem 
Ursprung nach dem ersteren nahe verwandt, eigentlich aber für die 
späteren Lebensjahre charakteristisch sind. Ich beziehe mich hier beson- 
ders auf das Gefühl der eigenen Allmacht und Größe oder das Selbst- 
gefühl mit seinem begleitenden Gegensatze, der Demut, dem Gefühl von 
Inferiorität (in beiden steckt ein Stück Sexualbetätigung), und meine 
auch die Lust Schmerz zuzufügen oder zu erleiden. Die geheime Lockung, 
die von diesen Lustquellen ausgeht, macht sich das ganze Leben eines 
Menschen hindurch geltend und nimmt starken Einfluß auf sein ganzes 
Verhalten. 1 ) 

Ich habe übrigens nicht vor, hier eine ausführliche Beschreibung 
der Kindheitsperiode zu geben. Es würde uns dies zu weit auf die 
Spielplätze, in die Kinderstuben und Kindergärten führen und außerdem 
ein gründliches Studium des Phantasielebens vom zartesten Kindesalter 
an erfordern. Meine Absicht war nur eine kurze Charakteristik des 
Problems, dem die Psychoanalyse als Heilmethode beizukommen sucht. 
Zu diesem Zwecke wollte ich vor allem zwei Dinge betonen: jedem 
Kinde sind Entwicklungsmöglichkeiten gegeben, zu deren Verwirklichung 
es von undefinierbaren, unbewußten Instinkten getrieben wird; jedes 
Kind muß aber, wie Odysseus bei den Sirenen, wie Christian im Tal der 
Todesschatten 2 ) seinen Weg erkämpfen, muß durch Gefahren hindurch, 
die es selber kaum gewahr wird, deren Größe auch wir erst langsam 

*) Vgl. die hochinteressante Auseinandersetzung von Ferenczi (Int. Zeitschr. 
f. Psych. Bd. I) über das beim Säugling infolge seiner Lebensumstände entwickelte 
Selbstgefühl. 

2 ) Anspielung auf Bunyan's The pilgrims progress. 






14 James J. Patnam. 

einzuschätzen beginnen. Mißlingt dieses Unternehmen, wie es häufig 
vorkommt, so stellt sich eine der alltäglichen nervösen Erkrankungen, 
wohl auch irgend einer der uns wohlbekannten Charakterdofekte als 
Folge sein. Auf jeder Entwicklungsstufe des Krankheitsprozesses kann man, 
natürlich ehe es zur Genesung gekommen ist, durch eine entsprechende 
Untersuchung Anzeichen dafür finden, daß die ursprünglichen Versuchun- 
gen zur Hingabe an sinnliche Lustgefühle neuen Versuchungen mit 
gleicher Gefühlsbetonung Platz gemacht haben. Dabei müssen diese neuen, 
immer wechselnden Anzeichen noch lange nicht auf irgend welche groben 
sinnlichen Ausschreitungen hindeuten. Jeder Gedanke und jede Handlung 
eines Menschen kann gleichzeitig etwas von seiner geistigen und etwas 
von seiner sinnlichen Natur zum Ausdruck bringen, erlaubt uns auch 
Schlüsse auf beide. 1 ) — Scheitert das angedeutete Unternehmen aber 
vollkommen, so ergeben sich daraus Inversionen, Perversionen und Kri- 
minalität. 2 ) Die Endergebnisse in der Entwicklung des Kindes, einerseits 
Erfolg und anderseits volles Mißglücken, werden offenbar durch starke 
Einflüsse, die man nicht ohne weiteres in eine Kategorie zusammen- 
fassen kann, bestimmt. Sie sind überdies in ihrem Äußeren so verschie- 
den, scheinen auch ihrem Wesen nach solche Gegensätze zu bilden, daß 
man, besonders wenn eines von beiden stark die Oberhand hat, leicht 
übersieht, daß immer beide eine Rolle spielen. Die Kinder können dem 
Verbrechertum sehr nahe kommen ; ja die biologische und psychologische 
Entwicklung bedingt, daß fast jedes Kind Tendenzen aufweist, die wenn 
sie wüchsen und erstarkten, zur Inversion oder Perversion führen müßten. 
Trotzdem ist die Strömung, die die Entwicklung in die eine oder andere 
Richtung lenkt, gewöhnlich so mächtig, daß eine Angst um die Zukunft 
unserer Kinder kaum in uns aufkommen kann, daß uns die normal und 
die abnorm Entwickelten so verschieden erscheinen wie die Vertreter 
verschiedener Tierspezies. Nur wenn wir Gelegenheit haben, die Dinge 

') Ich will bei diesem Punkt verweilen, weil er mir für die richtige Auffassung 
der Symbole in Träumen und Symptomen bedeutsam erscheint. Es wird den Psycho- 
analytikern oft vorgehalten, daß sie allzubereitwillig sexuellen Sinn in harmlosen 
Gedanken suchen. Aber vom einzelnen Falle abgesehen, steht so viel fest, daß aller 
Scharfsinn der Psychoanalytiker nicht gegen die Geschicklichkeit in Betracht kommt, 
mit der Personen von leidenschaftlichem Temperament (Dichter, Künstler und Kranke) 
immer wieder neue Ausdrucksmittel für das sinnliche, aus der Kindheit stammende 
Element ihrer Natur zu finden verstehen. Jedes Symbol wird von dem Leiden- 
schaftlichen dazu verwendet, sein Gefühl in neuer Starke zu zeigen und ihm einen 
Ausweg zu eröffnen. Das verhindert natürlich nicht, daß dasselbe Symbol auch in 
den Dienst ganz anderer Absichten treten kann. Dieser Sachverhalt und seine Be- 
deutung würden nicht so oft verkannt werden, wenn nicht jede Hindeutung auf die 
Möglichkeit eines sexuellen Sinnes genügen würde, ungerechtfertigtes Ärgernis und 
Widerspruch zu erregen, 

2 ) Es ist hoffentlich überflüssig zu betonen, daß ich hier die psychogenen 
Faktoren behandle und die Existenz somatischer Faktoren voll anerkenne. 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 15 

in ihrer Wirklichkeit zu erkennen, wenn wir in die verdrängten Regun- 
gen und Erlebnisse der Kindheit hineinblicken, nur dann merken wir 
daß diese Verschiedenheiten bloße Gradunterschiede sind, und daß alle 
unsere Kinder in einem weiten Grenzlande zwischen Gut und Böse auf- 
wachsen. („Böse", wie es später dem Erwachsenen, nicht anfangs dem 
Kinde erscheint.) Mancher Erwachsene, im gewissen Sinne jeder Mensch 
steht ja noch unter dem Einfluß dieser oder jener Tendenz, die sich direkt 
von einer Begierde, einem in der Kindheit für kurze Zeit mit aller Macht 
auftretenden sinnlichen Reiz herleitet, der dann prompt ins Unbewußte 
verdrängt wurde. 1 ) Gerade die „Verdrängung" setzt diese speziellen Re- 
gungen in stand, ihren Einfluß heimlich in immer wechselnder Weise fort- 
zusetzen und, ohne je bewußt und durchschaut zu werden, unaufhörlich 
Genußstörungen, Angstgefühle und unbestimmte Besorgnisse hervorzu- 
rufen. Merkwürdigerweise sind diese Störungen und Angstgefühle mit 
dem Reize, der sie ursprünglich hervorrief, eng verknüpft, und werden 
als die einzigen Vertreter der einst rechtmäßigen, früh verdrängten Lust- 
gefühle der Kindheit vom Patienten krankhaft festgehalten. 

Was diese ursprünglichen sinnlichen Verlockungen der Kindheit 
eigentlich sind, konnte ich hier nur sehr flüchtig andeuten. Doch wird 
mir jeder Beobachter zugeben, daß sie überhaupt bestehen, überaus zahl- 
reich sind und üppig auf dem Boden der lebhaften kindlichen Phantasie 
wuchern; 2 ) man kann sie im allgemeinen egoistische heißen und findet 
leichter an ihnen Geschmack als an solchen, die zur höheren geistigen 
Entwicklung hinleiten, regrediert deshalb in Zeiten geringerer Leistungs- 
fähigkeit immer wieder zu ihnen. Wenn diese vagen persönlichen, egoi- 
stischen und narzißtischen Lustgefühle, die bei aller Unbestimmtheit kräftig 
und reich an fesselnden Erregungen sind, mit Recht als „sinnlich" be- 
zeichnet werden, so ist es nur billig anzuerkennen, daß ihre charak- 
teristischen Eigenschaften besonders in jenen Gefühlen und Erregungen 
anzutreffen sind, die in enger Verbindung mit den Sexualfunktionen stehen 
und deshalb die anderen an psychologischer und physiologischer Bedeu- 
tung weit überragen. Ob diese Empfindungen, Betätigungen und Ge- 
fühle nun deutlich sexuell sind, ob sie zu denen gehören, die die 
charakteristischen sinnlichen Merkmale der Sexualgefühle aufweisen oder 
ob sie nur in den Wirbel jener Gefühle gezogen werden, die sich um die 
sexuellen Gefühle drehen — sie alle werden größtenteils verdrängt. 

') Es war immer eine peinliche Überraschung zu finden, daß Personen von 
höchster Verfeinerung in den Delirien der Manie oder der Dementia praecox eine 
Vertrautheit mit Worten und Dingen der ärgsten Art verraten, die man ihnen nie 
zugemutet hätte. Auf solche Weise enthüllt sich bei ihnen ein wichtiges Stuck ihrer 
Entwicklungsgeschichte. 

2 ) Diese Phantasiebildungen werden dann in den scheinbar deliriösen, in 
Wirklichkeit aber sinnvollen Äußerungen mancher Kranken, besonders bei Dementia 
praecox, offenkundig (Bleuler). 



James .1. Putnam. 
16 



erwachenden Ekelgefühle, teus das ^™*»\£ „„ausgesprochenen 

Ge£ „Ul), teils sind es die laut l£«EJ* ^ djeiuze.nen 

Das .unge Kind behndet sich in ^^^^ 
der Erwachsene der w* * * ££ ^ dcn MM „, die den. 
i„ Versuchung kommt, das Sp el oes Mann von 

Manne „ Verfügung f^j "t"int ^mitamitglied, das er 
der schrecklichen Angst *«■*** ^£ „ n(1 trennt sich vielleicht 
in Wirklichkeit liebt. e,n Le,d anfügen könne, i», „e- 

infolgedessen von seiner Fam.h . J* »J* "*£, ^„hoanalyse aber 
stimmten Fall meiner Beobach . tung m ta* » J er zum sta . 
UM den wirklichen Sachverhalt auf «rf ""^J^, Zeiten wieder 
dium der Kindheit regrediert u* nnd w ». n .ese n { ^ 

„rit Liebe und Haß, mit Begierde, Furcht, ^> Q tl 

Rene zu spielen begann, e,n Spiel, in dem J«*»^ ^ andere über- 
erzeugen oder von ihm erzengt werden tamv «* >V mit ei „em „„. 
geht, an ein anderes anklingt oder durch den Kontrast m 
bestimmten Gegensatz seltsame Erregungen *££*££,,+* die 
si „d die frühesten nnd stärksten Ge üble £*£% s8Xuelle „ fc. 
Wunsckregungen, die tmt den sexue llcn ft ^ J^^ ^ 
regnngen zusammenhängen, die ja >m ^ ° A h „ e hmen. 

etwa fehlen, sonder» im Gegenteil daa ^£ des Willens nnd des 
Darum müssen in Zeiten, in denen der ™«™f WMli r anstren- 
Gewissens nachläßt nnd der Mensch »^"Xtetüt jene Gefühle in 

genden, „„gereifteren infantilen "J^JJ^Sti-. ä * sie h 
den Vordergrund treten die ™ mit Recht sex ieb ^ 

dem biologisch und sozial so „beraoe ™ 1 *^V^ ^ Na chdem 
Ausgangspunkt haben und von mm ihren Gefuhlston m 
wir'vms über diese nnd ähnliche Tataachen H* (£™den s^ ^.^ 
.b „ns nicht mehr wundem, daß Fr e»d behaupte , man 
SÄÄÜÄEfS« oder sie doch nU 

chend, die **-£%« j/«£* ^ „"»S-- «* 
Richtung hm aufhalt, mit der »^.e'ung 

ÄrS^Ä^Ä^ ^c ich diesem 
tglSe so gut wie keine biologische Bedeutung bei. 



i) Nach Freud. 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 17 

Wenn sich die Gelegenheit bietet, einem Patienten zur Genesung 
zu verhelfen, bei dem sich diese Tendenz zur Fixierung teilweise ver- 
wirklicht hat, so muß man ihm nicht nur deutlich den Weg zu einer 
besseren Entfaltung seiner Kraft und Persönlichkeit weisen, sondern ihm 
auch helfen, sich mit Hilfe des Gedächtnisses und der Phantasie in den 
Zeitpunkt zurückzuversetzen, in dem diese teilweise Fixierung stattfand. 
Dadurch lernt er erkennen, was es für ihn bedeutet hätte, wenn er zu 
jener Zeit den andern Weg eingeschlagen hätte, und erfährt auch, daß er 
noch immer, genau wie damals, seine Wahl treffen und sich damit von 
einer Begierde lösen kann, die ihn in ihrem mächtigen aber bloß künst- 
lich gefügten Banne hält. Diese Vorgänge sollen natürlich psychologisch 
aufgefaßt werden. Jeder einzelne soll dazu kommen, sich selbst als eine 
Summe von miteinander verwobenen Kräften zu betrachten, die alle lebendig 
und tätig sind, wenn auch viele von ihnen den frühen Tagen der Kind- 
heit entstammen. Der Arzt, der die Fähigkeit, das Seelenleben seiner 
Patienten in diese wirkenden Kräfte umzudeuten, nicht besitzt oder nicht 
erwerben kann, wird voraussichtlich in der psychoanalytischen Praxis 
weder Befriedigung finden noch Erfolge aufzuweisen haben. 

Niemand kann seine Kräfte wahrhaft zum eigenen Vorteil oder 
im Dienste der Allgemeinheit verwerten, solange er ein Spielball seiner 
eigenen ungereiften Leidenschaften, Vorurteile und abergläubischen Vor- 
stellungen ist und als Erwachsener immer noch seine Phantasie dazu 
benutzt, um eine Traumwelt, zu schaffen, deren Mittelpunkt und Held er 
ist. Man soll einem solchen Menschen helfen, diesen Riesenbau einer ver- 
irrten Phantasie und Eigenliebe zu zerstören, und man bringt dies dadurch 
zu stände, daß man ihm beweist, wie jenes Gebilde schon vom unter- 
sten Grundstein an sein edelstes Streben mißdeutet und verzerrt hat. 
Eine vernünftige Moralerziehung sollte nicht versuchen, ein starkes Ge- 
fühl zu unterdrücken, sondern lieber darauf sehen, daß es auf das richtigste 
Ziel gewiesen wird. Die große Gefahr, in der jedes Kind schwebt, liegt 
darin, daß es die ungeheuren Kräfte, die ihm zu Gebote stehen, für seine 
persönliche Befriedigung mißbrauchen kann. Eine noch nicht näher be- 
zeichnete Art, in der es dies tut, ist das Spielen mit den eigenen über- 
hitzten Gefühlen unter der Maske eingebildeter Gefahren. Jedes Kind — 
so fe.g es auch in Wahrheit sein mag - will gleich Phaeton sich in 
seiner Einfalt und Torheit vermessen, den Sonnenwagen zu lenken. Es 
liebt es, mit sich selber zu spielen, und schafft sich zu diesem Zwecke 
Scheingefahren und Scheinschrecken, aber so, daß dieses Spiel es keines- 
wegs befähigt, den wirklichen Gefahren der Welt mutig ins Auge zu 
blicken. Es empfindet Vergnügen, wenn es sich mit den Gedanken an 
Feuer und Dunkelheit, mit Phantasien über Leben und Tod in Erre- 
gung bringen kann, und merkt nicht, mit welch tiefen und bedeutsamen 
Gefühlserregungen es dabei zu tun bekommt. Diese Überhitzung der 

Zoitschr. f. arztl. Psychoanalyse. IV>1. ** 



18 



James J. Putnam. 



Gefühle darf aber nicht zu weit gehen. Die Furcht könnte sonst zu 
einer wirklichen Angst werden, und das Kind wäre gezwungen, diese 
Angstgefühle zu erklären, zu „rationalisieren", 1 ) ohne zu wissen, daß 
seine (geheime) Vorliebe für das, was der Erwachsene sinnliche Lust 
nennt, die Erfindung jener gefährlichen Situation bewirkte. Die lockende 
Flamme würde ihm zum „Kreuz" werden, und es müßte beginnen, sein 
ängstliches Unbehagen irgend einer alltäglichen Ursache von Gefahrdung 
zuzuschreiben. Man könnte die Situation leicht dadurch versinnbildlichen, 
daß man auf ein Blatt Papier nebeneinander eine Flamme und ein Kreuz 
zeichnet, aber durch eine Linie trennt, um dadurch anzuzeigen, daß sie, 
so abhängig sie voneinander sind, doch nichts voneinander wissen. 
Wenn der Patient nun genesen will und ihm weder das Interesse an 
einer Arbeit, noch der Versuch geistig über seine Angst hinauszukommen, 
etwas nützten, so muß er lernen, sich ganz von seinen Symptomen 
seinem Kreuz, das er wahrscheinlich schon zu lange erfolglos betrachtet 
hat, abzuwenden und die Flamme, nämlich die Geschichte seines Gefühls- 
lebens zu durchforschen. Eine genaue Kenntnis dieser Geschichte klart 
ihn über Natur und Ursprung seiner Angstgefühle auf, zeigt, daß sie aus ihm 
selber stammen, und läßt ihn dadurch schon ein Stück der zur Genesung 
nötigen Charakterentwicklung gewinnen. Das Kreuz in seiner früheren 
Bedeutung verschwindet damit; doch kann es noch beibehalten werden 
als Symbol für die Bereitwilligkeit, mit der der Genesene Leiden auf sich 
nimmt; zwar nicht die früheren, sondern Leiden, die ihn besser befähi- 
gen, seinen Platz in der menschlichen Gesellschaft auszufüllen. Wer 
diese Entwicklung durchgemacht hat, der hat erfahren, daß — um 
Emersons Worte zu gebrauchen — „die Götter kommen, wenn die 
Halbgötter gehen«, wobei die Halbgötter hier seine eigenen unausgereiften 
Begierden sind. Jeder Mensch verlangt im Grunde nach Glück und Zu- 
friedenheit. Diese aber entspringen im allgemeinen nicht aus einer Lust, 
die nur Selbstzweck ist, sondern eher aus dem Verzicht auf diese Lust 
um höherer Dinge willen. 

Unser Wille ist so frei, daß wir ihn sogar zur Vernichtung unserer 
Freiheit verwenden können. Ein treffendes Beispiel dafür bietet die in- 
stinktive spitzfindige Geschicklichkeit, mit der kleine Kinder, die an ihrer 
eigenen Natur und den Mächten der Erziehung keine genügende Unter- 
stützung finden, es vermeiden, jedes Entwicklungsstadium zur Vorstufe 
zum nächst höheren zu nehmen. Sie werden an Jahren Erwachsene, 
halten aber trotzdem heimlich, ohne es zu wissen, an kindischen Denk- 
formen fest, die längst überwunden sein sollten, deren sie sich vielleicht 
schon als Kinder schämten. Für etwas ältere Kinder haben scharfblickende 
Erzieher die Wichtigkeit dieses Grundsatzes schon lange erfaßt. Doch 

*) Nach Ernest Jones. 



Allgemeine Gesichtspunkte zur psychoanalytischen Bewegung. 19 

blieb es den psychoanalytischen Forschern und denen, die sich ihnen 
anschlössen, vorbehalten, Schritt für Schritt den Einflüssen nachzugehen, 
die in den verborgenen Tiefen der Kinderseele die Bildung von Gedan- 
ken und Gefühlsformen bewirken fautistisches Denken, Bleuler) die 
später den größten Anteil an der Bestimmung ihres Verhaltens haben. 
Die Gefühle und Erregungen dieses autistischen Lebens bestehen größten- 
teils um ihrer selbst willen, nicht als Übergang zu etwas Höherem und 
Beständigerem. Ohne voll bewußt zu werden, bemühen sie sich alle 
Wunschregungen von den Formen uneigennütziger Liebe, die das natür- 
liche Entwicklungsziel darstellen, abzuziehen und setzen dafür den Kult 
der egoistischen Liebe ein, die wohl auch ein Liebesobjekt haben 
kann, es aber nur als Spiegel benutzt, welcher die Eigenliebe ver- 
stärkt zurückwirft. Das Phantasieleben junger Kinder kann eine Basis 
für die Entwicklung gesunder künstlerischer und religiöser Anschauungen 
sein, oft aber entspringen aus ihm nur krankhafte Triebregungen und 
Angstgefühle. 

Die Einreihung des menschlichen Geistes unter die Kräfte der Ent- 
wicklung bedeutet sicher einen neuen wichtigen Fortschritt.!) Durch den 
Aufbau des geistigen Lebens wird bedingt, daß schon das kleinste Kind 
mit bedeutenden Kräften und Verpflichtungen ausgestattet ist, allerdings 
ohne ihrer bewußt zu sein. Lernt das Kind sich selbst verstehen so ist 
damit schon der Grund zum Verständnis des Weltsystems in ihm gelegt 
Es lernt das Gefühl der Macht, der Verantwortung und der eigenen 
Persönlichkeit kennen, ebenso das der Schwäche und Abhängigkeit mit 
der seltsamen Lust, die jeder Abhängigkeit entspringt. Mit seiner unge- 
zügelten Phantasie bevölkert es die Welt und nimmt nicht nur tote 
Steine, sondern alles, selbst die eigenen Empfindungen zu Hilfe, um seine 
Leidenschaften, Wünsche und Sehnsuchtsregungen auszudrücken. Dann 
folgen Reaktionen, Verwünschungen und Selbsterniedrigungen und schließ- 
lich ein Vergessen in Form von Verdrängung, das kein wirkliches Ver- 
gessen, nur ein Aufheben für späteren Gebrauch bedeutet. Ein Kind, 
das äußerlich sein Leben in sichtlicher Zufriedenheit und Wohlanstän- 
digkeit verbringt, kann, ohne es zu wissen, in den Erregungen und 
Lüsten schwelgen, die es zwar ins „Unbewußte« verbannte, zu denen es 
aber noch zahlreiche geheime Pfade offen ließ. 

Wie kann uns eine Behandlungsmethode der Unterstützung unwert 
erscheinen, die den Patienten die Wahrheit lehren und das Versteckspiel 
aufdecken will, daß seine niedrigere Natur mit seiner edleren spielt? 
Freilieh sollte man den Blick ihrer Kritik nicht nur auf ihre bisherige 

') ßergson u. a. haben bereits die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des 
„Lebens" (poussee vitale) als eines Faktors der Entwicklung gelenkt. Was ich hier 
vertrete, schließt dieses ein und geht darüber hinaus. 

2* 



20 



James J. Putnam. 



Vollendung, sondern auch auf die ihr noch bevorstehenden Möglich- 
keiten richten. 

Die Psychoanalyse will zur Lösung der großen äußeren Lebens, 
Probleme dadurch beitragen, daß sie jedem einzelnen Menschen hilft, die 
Rätsel seines eigenen Innenlebens zu lösen. Sie hat sich diese Aufgabe 
nicht mit Unrecht gestellt, denn das Drama der Außenwelt spielt sich 
vorher in den Herzen der Menschen ab, die diese Welt bevölkern. 

Jeder der den Wert der Methode anerkennt, nur gegen ihre An- 
wendung Einspruch erhebt, möge sie selbsttätig prüfen. Diesen Versuch 
ist er seinen Patienten schuldig. 






II. 

Aus dem Alltagsleben. 

Von Dr. J. Stärcke, Amsterdam. 
Einige Beispiele von Namenvergessen. 

1. Semmel weis. Ich wollte einmal jemandem erzählen, wer zum 
erstenmal auf die Bedeutung der Infektion mit Bakterien für das Ent- 
stehen von Kindbettfieber hingewiesen hat, jener Forscher, dem die 
Wissenschaft viel zu danken hat, der aber von seinen Zeitgenossen 
ziemlich verunglimpft wurde, und der, nachdem er viel Kritik und 
wenig Anerkennung erfahren hat, irrsinnig gestorben ist. Das ist 
Semmelweis, aber dieser Name will mir nicht einfallen. Als Ersatz- 
namen kommen mir auf die Zunge: Schweinfurth, Schönewald 
und Schönefeld. 

Bei diesen Namen bekam ich folgende Einfälle. Bei Schwein- 
furth: Schweinfurther grün (ein Farbstoff) — das heißt auch 
vert de gris. Bei Schönewald: das ist ein Zahnarzt (zu A.) — 
«kiezentrekken» 1 ) (= Zahnziehen) — Zahnziehen — Ziehen 
— das ist jener Professor, der solch ein langweiliges Buch über physio- 
logische Psychologie geschrieben hat, das mich vor Jahren so enttäuscht 
und geärgert hat, weil ich hoffte, darin einmal wirklich eine Seelen- 
lehre zu finden, und es im Gegenteil nur eine Art von langweiliger 
Gehirnphysiologie gab, etwas ganz anderes, als ich mir von „physio- 
logischer Psychologie" vorgestellt hatte. 

Mit Schönefeld weiß ich nichts anzufangen, bis mir einfällt, 
daß ein Patient von mir Schön efeld Buchner heißt. Büchner 
ist der Autor von „Kraft und Stoff" und ein Anhänger einer lang- 
weiligen Art von Materialismus. Damit sind wir also wieder 
in der Nachbarschaft von Ziehen. Ein Kollege sagte einmal zu mir: 
Ziehen is een «knul» (= Tölpel). Jetzt fällt mir ein, daß ich von 
einem anderen «Knul» eine lange Kritik gelesen habe über einen hollän- 
dischen Schriftsteller, den ich sehr verehre; das war eine lange und 
ziemlich langweilige Kritik, über die ich mich geärgert habe, und als 

') Die holländischen Wörter sind mit « » angedeutet; die Übersetzung folgt 
zwischen ( ). 



Dr. J. Stärcke. 



ich damals nach dem Lesen nach Hause kam, sagte ich: „das ist ein 
Aufsatz wie ein endloses «weitebrood» (= Weizenbrot). — Jetzt 
fällt mir plötzlich ein «weitebrood» — weis — Semmelweis! 

Beim gefundenen Namen bekomme ich jetzt folgende Einfälle: 
Semmel = «brood», und weis = «witt», also Semmelweis — 
«wittebrood» (Weißbrot) — «wittebroodsweken» (Flitterwochen). 
Ich war seit einigen Monaten in den «wittebroodsweken» (Flitterwochen) 
und wir machten uns Sorgen, weil der Storch seine Ankunft noch nicht 
angesagt hatte. Wir fürchteten damals oft, daß wir kinderlos bleiben 
würden, aber schlugen uns diese Furcht wieder aus dem Sinn und 
lebten zwischen Hoffnung und Furcht. Das Ärgernis über die Kritik 
gegen den verehrten Schriftsteller stand auch in Zusammenhang mit 
Gedanken über eigene Geistesprodukte (die man auch wohl „papierene 
Kinder" nennt). Die Frage, ob diese es zu der so sehr ersehnten Publi- 
kation bringen würden, machte mir damals auch oft Sorgen. 

Bei vert de gris fiel mir noch das Wort «ergernis» (Ärgernis) 
ein (eine entfernte Klangähnlichkeit) und daß „vert" — grün und 
„gris" — grau ist. 

Folgendes Schema gibt diese Einfälle und Assoziationen wieder: 

Semmelweis Schönewald Schönefeld Schweinfurth 



/ 
witte-brood 

wittebroods- 
weken 
(Flitterwoch.) 
(endlose) 



kinderlos 



bleiben 



Schönefeld Buchner 



Zahnarzt. 



Schweinfurther grün 



kiezentrekken 



Zahnziehen 



Ziehen 



,Knul u 



Büchner 



Kraft und Stoff 



langweilige Art 
Materialismus 



vert de gris 

(er ger nis) 

vert de gris 



der „Knul", dereine lange 
Kritik geschrieben hat, wie 
»-ein endloses 
„Wittebrood" 



grün grau 

Farbe der Hoffnung 

(Hoffnung und Furcht) 



Kritik und An erkennung von eigenen Geistesprodukten 
Hoffnung und Furcht 

2. Obiges Beispiel hat mir neulich noch ein neues Beispiel von 
falschem Erinnern geliefert. Ich hatte in Gesellschaft von vier 
jüdischen Bekannten ein paar Beispiele von Versprechen usw. erzählt. 
Wir saßen in einem Cafe und bestellten etwas zu Essen. Einer von 
den vier hatte überlegt, ob er Semmel mit Schinken nehmen sollte, und 
ich hatte in Scherz zu ihm gesagt, daß er das nicht essen dürfe. Er 
hatte sich etwas anderes genommen. Einen Augenblick später hatte ich 



Aus dem Alltagsleben. 23 

ihnen das Beispiel Semmel weis erzählt und auch die Ersatznamen 
Schönewald, Schönefeld und Schwein furth genannt. Ein zweiter 
von den Bekannten, ein Philosoph, der in sehr scharfsinniger Weise 
Kritik übte an der Bedeutung, welche von Freud den Einfällen und 
Ersatznamen zuerkannt wird, sagte dabei : „So wie nun im Beispiel von 
diesem Namen Semmelfleisch..." Wir unterbrachen ihn: „Semmel- 
weis." — Er entschuldigte sich: „Ja, ich komme auf „Fleisch", weil 
Sie soeben diese drei Namen genannt haben, Schönewald, Schönefeld und 
Rindfleisch." „Auch das ist nicht richtig", sagte ich, „der dritte Name 
war Schweinfurth", . . . (wir sahen einander an. wir alle, auch der- 
jenige, der sich geirrt hatte, fingen an laut zu lachen, und der dritte 
Tischgenosse sprach von „konfessionellem Widerstand"). . . „Sie haben 
also das Schwein mit Rindfleisch vertauscht." 

Obgleich er später seinen Irrtum dem zuschrieb, daß Bindfleisch 
auch ein Denker und Psychologe war usw., gab er zu, daß sein erster 
Einfall war: Rindfleisch — Schweinefleisch. — Ich konnte auf diesen Irr- 
tum nicht weiter eingehen, aber ich fand es ergötzlich, daß der Kritiker 
mitten in seiner Kritik einen neuen Beitrag lieferte. 
3. Das Problem von Fermat. 

Ein Freund von mir erzählte mir ein Beispiel von zeitlichem 
Namenvergessen, das ihm wiederholt in Gegenwart einer 
bestimmten Person passiert war, während er sich unterdessen dieses 
Namens im Gespräch mit anderen Leuten sehr gut erinnerte. Er ist In- 
genieur und interessiert sich sehr für höhere Mathematik. Eines Tages 
führte er ein Gespräch mit Herrn P., der sieh auch sehr viel mit höherer 
Mathematik beschäftigt, und er will mit ihm sprechen über das Problem 
von Fermat (ein mathematisches Problem, das noch nicht gelöst ist 
und auf dessen Lösung ein Preis gestellt ist). Der Name Fermat will 
ihm aber nicht einfallen. (Er hat auch nicht versucht, Ersatznamen zu 
bekommen.) Am nächsten Tage erzählt er jemand anderem, daß es so 
fremdartig war, daß er, während er öfters mit mehreren Leuten über dieses 
Problem gesprochen hatte, jetzt plötzlich sich des Namens Fermat nicht 
erinnern konnte. Und sieh, jetzt sprach er, ohne Mühe und ohne einen 
Moment zu zögern, diesen Namen aus. — Ein paar Tage später begegnete 
er wieder Herrn P. und sagte zu ihm : „Sie erinnern sich noch, daß ich 
mich vor einigen Tagen dieses Namens nicht erinnern konnte, vom 
Problem von ..." und jetzt war der Name fort! 

Jetzt überlegte er, ob es vielleicht, ein Motiv gab, daß er gerade 
im Gespräch mit Herrn P. den Namen Fermat vergaß. Dabei fiel ihm 
folgendes ein. Bevor er seine gegenwärtige Frau kennen lernte, ist er 
mit einem Mädchen verlobt gewesen, das an einer schleichenden Krank- 
heit gestorben ist. Herr P. wohnt in der Stadt K, und er hat vor kurzem 
vernommen, daß die Verlobte eines ihm bekannten Studenten, der auch 



24 



Dr. J. Stärcke. 



aus K. kommt und der neben dem Herrn P. gewohnt hat, an ungefähr 
derselben schleichenden Krankheit gestorben ist. Dieser Student hieß 
Fe r man. Durch dieses Sterben wurde also ein wunder Punkt berührt, 
und das würde aufs neue geschehen, wenn er mit Herrn P. aus K. sprach 
und dann den Namen Fermat aussprechen wollte. Es gab aber noch 
ein anderes Motiv, um den Namen Ferman zu verdrängen. Dieser 
Student hatte, wie er vernommen hat, sich über die Eltern meines Freundes 
hinsichtlich einer finanziellen Angelegenheit in einer Weise geäußert, die 
ihn sehr unangenehm getroffen hat. Hier war also ein zweiter Zusam- 
menhang zwischen peinlichen Gedanken und dem Namen Ferman, der 
Stadt K. (und auch dem Problem, auf dessen Lösung ein Preis gestellt 
ist). Jetzt war es ihm verständlich, daß der Name Fermat wohl in 
Gegenwart des Herrn P., nicht aber in Gegenwart von anderen vergessen 
wurde. (Vgl. Schema.) 

Ferman ^" -^ Fermat 

Problem, auf dessen Lösung 
eine große Geldsumme als Preis gestellt ist. 



die gestorben e Unangenehme Äußerung 

Verlobte " über finanzielle Angelegenheiten 



Die Stadt K._ 



.Herr P. 



4. Ein Fall von Namenvergessen und falsch Erinnern. 

Ein alter Jurist und Sprachgelehrter, Z., erzählt in Gesellschaft, 
daß er in seiner Studentenzeit in Deutschland einen Studenten gekannt 
hat, der außerordentlich dumm war und über dessen Dummheit er 
manche Anekdote zu erzählen weiß. Er kann sich aber an den Namen 
dieses Studenten nicht erinnern, glaubt, daß dieser Name mit W anfängt, 
nimmt dies aber später wieder zurück. Er erinnert sich, daß dieser dumme 
Student später Weinhändler geworden ist. Dann erzählt er wieder eine 
Anekdote von der Dummheit desselben Studenten, verwundert sich noch 
einmal darüber, daß sein Name ihm nicht einfällt, und sagt dann: „Er 
war ein solcher Esel, daß ich noch nicht begreife, daß ich ihm mit Wieder- 
holen Lateinisch habe eintrichtern können," Einen Augenblick später 
erinnert er sich, daß der gesuchte Name ausgeht auf . . . man. Jetzt 
fragen wir ihn, ob ihm ein anderer Name, der auf man ausgeht, ein- 
fällt und er sagt: „Erdmann". — „Wer ist denn das?" — „Das war 
auch ein Student aus dieser Zeit." — Seine Tochter bemerkt aber, daß 
es auch einen Professor Erdmann gibt. Bei genauerer Erörterung zeigt 
sich daß dieser Professor Erdmann vor kurzem eine von Z. eingesandte 
Arbeit nur in verkürzter Form in eine von ihm redigierte Zeitschrift hat 
aufnehmen lassen und zum Teil damit nicht einverstanden war, usw., und daß 



Aus dem Alltagsleben. 25 

Z. das als ziemlich unangenehm empfunden hat. (Überdem vernahm ich 
später, daß Z. in früheren Jahren wohl einmal die Aussicht gehabt hat, 
Professor in demselben Fach zu werden, worin jetzt Professor E. doziert, 
und daß dieser Name also auch in dieser Hinsicht vielleicht eine emp- 
findliehe Saite berührt.) 

Jetzt fällt ihm plötzlich der Name des dummen Studenten ein: 
„Linde man!" Weil er sich schon früher erinnert hatte, daß der Name 
auf . . man ausgeht, war also „Linde" noch länger verdrängt ge- 
blieben. Auf die Frage, was ihm bei „Linde" einfällt, sagt er zuerst: 
„Dabei fällt mir gar nichts ein." Auf mein Drängen, daß ihm bei diesem 
Wort doch wohl etwas einfallen wird, sagt er, indem er aufwärts blickt 
und mit der Hand eine Gebärde in der Luft macht : „Nun ja, eine Linde, 
das ist ein schöner Baum." Weiter will ihm dabei nichts einfallen. Alle 
schweigen und jedermann verfolgt seine Lektüre und andere Beschäftigung, 
bis Z. einige Augenblicke später in träumerischem Ton folgendes zitiert : 

„Steht er mit festen 

Gefügigen Knochen 

Auf der Erde 

So reicht er nicht auf, 

Nur mit der Linde 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen." 

Ich stieß einen Triumphschrei aus : „Da haben wir den Erdmann,'' 
sagte ich. „Jener Mann, der «auf der Erde steht», das ist also der 
Erde-Mann oder Erdmann, kann nicht aufreichen, sich mit der Linde 
(Linde man) oder der Rebe (Wein händ ler) zu vergleichen. Mit 
anderen Worten: jener Linde man, der dumme Student, der später 
Weinhändler geworden ist, war schon ein Esel, aber der Er dm an n ist 
ein noch viel größerer Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch 
nicht vergleichen." — Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- 
oder Schmährede ist etwas sehr Gewöhnliches, darum kam es mir vor, 
daß die Hauptursache des Namenvergessens jetzt wohl gefunden war. 

Ich fragte jetzt, aus welchem Gedicht die zitierten Zeilen stammten. 
Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei, er glaubte, daß es anfängt: 

Edel sei der Mensch 
Hilfreich und gut ! 
und daß weiter auch darin vorkommt : 

Und hebt er sich aufwärts 

So spielen mit ihm die Winde. 

Am nächsten Tage suchte ich dieses Gedicht von Goethe auf, und 
es zeigte sich, daß der Fall noch hübscher (aber auch komplizierter) 
war, als er erst zu sein schien. 



26 



Dr. J. Stärcke. 



o) Die ersten zitierten Zeilen lauten (vgl. oben) : 
Steht er mit festen 
Markigen Knochen. 
Gefügige Knochen wäre eine ziemlich fremdartige Kombination. 
Darauf will ich aber nicht näher eingehen. 

b) Die folgenden Zeilen dieser Strophe lauten (vgl. oben): 

Auf der wohlbegründeten 

Dauernden Erde, 

Reicht er nicht auf, 

Nur mit der Eiche 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen. 
Es kommt also im ganzen Gedicht keine Linde vor! Der Wechsel 
von Linde statt Eiche hat (in seinem Unbewußten) nur stattgefunden, 
um das Wortspiel „Erde— Linde— Rebe" zu ermöglichen. 

c) Dieses Gedicht heißt: „Grenzen der Menschheit" und enthält 
eine Vergleichung zwischen der Allmacht der Götter und der geringen 
Macht des Menschen. Das Gedicht, dessen Anfang lautet: 

Edel sei der Mensch 
Hilfreich und gut! 
ist aber ein anderes Gedicht, das einige Seiten weiter steht. Es heißt: 
„Das Göttliche", und enthält ebenso Gedanken über Götter und Men- 
schen. Weil hierauf nicht näher eingegangen worden ist, kann ich 
höchstens vermuten, daß auch Gedanken über Leben und Tod, über das 
Zeitliche und das Ewige und über das eigene schwache Leben und den 
künftigen Tod beim Entstehen dieses Falles eine Rolle gespielt haben. 
5. Ein Fall von Vergessen eines Fremdwortes. Bei 
diesem Beispiel ist folgende persönliche Einleitung unentbehrlich. 

Während mein Vater seit vielen Jahren einigermaßen kränkelte 
(er war Prostatiker und mußte sich fast täglich katheterisieren) und 
das Interesse und die Sorgfalt der Hausgenossen fast immer auf seinen 
Gesundheitszustand gerichtet war, war das Befinden meiner Mutter in 
letzter Zeit auch nicht allzugut. Ihr Arzt hatte gesagt, daß sie mehr Ruhe 
haben sollte, aber dazu kam es nicht oft und mein Vater half dazu auch 
nicht viel mit; er sagte: „Das verstehst du so nicht, aber deine Mutter 
hat allerhand Beschäftigung in der Haushaltung, die sie doch nicht aus 
den Händen geben kann oder will." — Ich wurde darüber böse, denn ich 
war davon überzeugt, daß, wenn er ebenso darauf dringen würde, wie 
der Arzt es schon tat, die Schwierigkeiten wohl überwindlich sein würden 
und die Mutter sich mehr Ruhe gönnen würde. Aber ich dachte, daß es 
au fond wohl zum Teil sein eigener Egoismus sei, der sich dagegen sträube, 
weil die Mutter schon einen erheblichen Teil des Tages damit beschäf- 



Aus dem Alltagsleben. 27 

tigt war, für ihn zu sorgen. Er sollte doch einsehen, daß auch einmal 
an ihre Gesundheit gedacht werden müßte. 

In dieser Zeit war ich eines Tages unterwegs nach dem Hause 
meiner Eltern, um zu fragen, wie es meiner Mutter geht. Unterwegs sehe 
ich jemanden mit einem alten Strohhut mit verschossenem Band und 
freue mich, daß der meine wenigstens viel frischer aussieht. Zu meinem 
Staunen aber erinnere ich plötzlich den Namen dieser Art Strohhüte 
nicht. Ich weiß, daß es ein sehr bekanntes Wort ist, ich versuche (wäh- 
rend ich weiter radfahre) mit einem Anlauf darauf zu kommen, indem 
ich halblaut sage: „So ein Strohhut, so ein Matelot, so ein Hut aus 
feinem Stroh, das aus Westindien kommt", aber wenn ich nun aufs 
Geratewohl einen Versuch wage, kommt mir nichts auf die Zunge als : 
„Waterloo" und „Tango". 

Unterdessen habe ich geklingelt und sobald ich meine Mutter 
begrüßt habe, frage ich sie: „Wie heißen doch mal die Strohhüte, wie 
ich einen trage?" — Die Antwort lautet: „Ein Panama". — Als ich 
dieses Wort wiederhole, fällt mir sofort ein: «Pa-na-Ma» (Pa nach 
Ma), d. h. die Mutter und die Sorge für ihre Gesundheit, tritt jetzt ein 
bißchen mehr in den Vordergrund ! Später denke ich daran, daß man in der 
gewöhnlichen nachlässigen Umgangssprache nicht Panama sagt, son- 
dern das Wort ungefähr ausspricht : Pannema, «eenPannemahoed» 
(ein Pannemahut). »Panne-ma« (Pfanne-Mama, Pfanne-Mütterchen) : die 
Mutter arbeitet zu viel, ist oft in der Küche beschäftigt, kocht das 
Mittagessen. Außerdem sind für das katheterisieren, das unter a- und 
antiseptischen Kautelen geschieht, allerlei Schalen und Pfannen nötig, 
und die Mutter überläßt diese nicht der Dienstmagd, sondern reinigt sie 
selber, und hat damit viel zu schaffen. «Panne-ma» klingt in meinen 
Ohren (vgl. das Wort «Assche-poes» = Aschen-brödel) wie: die arme 
liebe Mutter, die sich so abmühen muß. 

Bei Panama dachte ich auch an die Landenge von Panama, 
und an den Panama- Kanal. Eine Enge oder Hindernis („Enge- 
Landenge") in einem Kanal („Panama-Kanal") ist die Ursache der Krank- 
heit meines Vaters. Wie der Panama -Kanal durch die Landenge geht, so 
läuft die Urethra durch die Schrittenge (das Perineum). Landenge heißt 
auch Isthmus. Bei Is(t)raus denke ich an Egoismus, was in dem 
schon erwähnten Zusammenhang verständlich ist. 

Bei «Pa-na-Ma» (Pa-na-Ma) war mir auch noch eingefallen, daß 
falls eines meiner Eltern sterben würde, der oder die andere wohl ein- 
sam übrig bleiben und vielleicht bald folgen würde. Auch daran, daß 
ich dem Vater gesagt hatte, daß ich ihn dafür verantwortlich halte, 
wenn er nicht dafür sorgte, daß die Mutter mehr Ruhe habe. 

Jetzt die Einfälle bei den Ersatznamen, die ich in diesem Falle erst 
nach dem Namen selbst untersucht habe. Bei Waterloo denke ich: 



28 



Dr. J. Stärcke. 



die Schlacht bei Waterloo, wo Kaiser Napoleon von den 
Bundesgenossen besiegt wurde. Der „Kaiser" steht bekanntlich, auch 
im Traum und im Märchen, sehr oft symbolisch für den Vater. Die 
Bundesgenossen: meine Mutter und ich, wenn ich für sie eintrete. 

Der Tango ist ein südamerikanischer Tanz. Auf einer 
Affiche habe ich gesehen, daß es auch so einen modernen Tanz gibt, 



der Matelot heißt. Bei „modernem Tanz' 



denke ich auch „Toten- 



tanz". Beim Gegensatz moderner Tanz - Totentanz : die jüngere 
Generation und die ältere Generation. Südamerika und Nord- 
amerika hängen zusammen durch die Landenge von Panama. Dann 
komme ich auf einen nordamerikanischen Schriftsteller und einen 
südamerikanischen Schriftsteller; über den ersteren habe ich einen 
Vortrag gehalten, vom zweiten habe ich ein Buch übersetzt, die Über- 
setzung wird aber nicht leicht einen Herausgeber finden, es sei denn, 
daß ich dieselbe auf eigene Kosten oder eigenes Risiko herausgeben 
könnte. So gelange ich auf Gedanken, die wohl früher einmal einen 
Augenblick bei mir bestanden haben, und die in diesem Zusammenhang 
in mir vermuten ließen, daß der Vorwurf des Egoismus nicht nur auf 
meinen Vater, sondern auf mich selbst anwendbar war. 



Panama 



Waterloo 



Tango 



Pa-na-Ma 

Panne-Ma 
(vgl. Assche-poes) 

Landenge von Panama 



Isthmus 
Egoismus 



Kaiser Napoleon 



besiegt worden durch 
Bundesgenossen 
(Vater)(Mutter und Sohn) 



Panama-Kanal 
(Watei—Wasser) 



Südamerikan. Tanz 
Matelot 



Moderner Tanz 



Moderner Tanz — Totentanz 
Die jüngere und die ältere Generation 
Nordamerikas Schriftsteller 
\ Südamerikas Schriftsteller 

Eigener Egoismus und Gedanken 
über den Tod der Eltern. 



Die Klangähnlichkeit zwischen „Waterloo" und dem kurz zuvor 
ausgesprochenen „Matelot" zeigt wieder einmal, wie die scheinbar nur 
oberflächliche Assoziation auch einen tieferen Grund haben. (Erst viel 
später bei der Übersetzung, fiel mir noch ein, daß der Pa-na-Ma-Kanal 
( Pa-nach-Ma-Kanal") auch sein könnte: der Kanal, durch welchen der 
Vater zur Muttor geht.) 



Aus dein Alltagsleben. 29 

6. Ein Beispiel von Namenvergessen. 

Eines Tages sah ich im Vorübergehen an einem Hause, worin 
ich selbst früher ein paar Jahre gewohnt hatte, ein Sehildehen mit dem 
Namen: „Klarenbeck". Als ich nach Hause kam, wollte ich erzählen, 
wer jetzt in diesem Hause wohnt, aber ich erinnerte mich an den Namen 
nicht. Am nächsten Tage passierte ich das Haus wieder, las den Namen 
wieder, und als ich nach Hause kam, war der Name wieder fort. Nun 
war meine Neugier erregt, ich wollte wissen, was die Ursache dieses 
Vergessens sein könnte. Zum drittenmal las ich nun den Namen 
Klarenbeck. Beim Wiederholen dieses Wortes fiel mir ein. daß dieser 
Name eine Ähnlichkeit zeigt mit dem Namen eines Mädchens, das in 
meinem Gefühlsleben eine Rolle gespielt hat, nämlich „Blankenzee", 
Diese Assoziation ist verständlich: «Klare(n)beek» (Klarer Bach) und 
«Blanke(n)zee» (Blankes Meer) zeigen eine gewisse Übereinstimmung in ihrer 
Wortbedeutung ; außerdem ist in den beiden Namen auffallend, daß ein 
weibliches Substantiv (im holländischen sind beek und zee weiblich) 
begleitet wird von einem Adjektiv mit dem männlichen Ausgang n. 
Auch die Vokale (a, tonloses e, ee), die Betonung und der Rhythmus 
sind in beiden Namen gleich. Diese Namen waren unbewußt in assozia- 
tivem Zusammenhang gebracht, und das Verdrängen des einen könnte 
also das Vergessen des anderen Namens zur Folge haben, allein — — 
der Name Blankenzee war gar nicht verdrängt. Die weiteren Einfälle 
lassen mich aber vermuten, daß in diesem Falle das Vergessen folgender- 
maßen determiniert ist: Früher hatte ich selbst in diesem Hause gewohnt, 
als ich noch unverheiratet war. Mein Beruf hat eine Ähnlichkeit mit dem 
des heutigen Bewohners K. (der ist nämlich Tierarzt). Das genügt, um 
mich mit ihm zu identifizieren. In meiner (früheren) Wohnung wohnt 
also jemand, den ich mehr oder weniger mit mir selbst identifiziere, 
und dessen Name zugleich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Namen 
Blankenzee zei«t. Der Name Klarenbeck ergibt also eine Verbindung 
zwischen mir und dem Mädchen Blankenzee. — Die nächsten Einfälle 
sind: in meiner (früheren) Wohnung wohnt also jemand, der (fast) 
denselben Namen trägt wie dieses Mädchen, und dieser Gedankengang 
geht dann einen Augenblick mit dem Gefühl, daß etwas Peinliches berührt 
wird, dem Gedanken entlang: denselben Namen tragen und in demselben 
Hause wohnen, das ist also: zusammen wohnen als Mann und 
Weib. Eine der Übereinstimmungen, wodurch beide. Namen einander 
ähnlich waren, war doch auch: d ie Verbindung zwischen mann- 
lich und weiblich, und zwar eine Verbindung von einem männ- 
lichen und einem weiblichen (Worte), die nicht zueinander gehö- 
ren, eine Verbindung, die (grammatikalisch) nicht korrekt ist. 

Das Verdrängte, das den Namen K. mit sich aus dem Bewußten 
genommen hatte, war also nicht der Name B., sondern gewisse pein- 



30 



Dr. J. Stärcke. 



liehe Gedanken, die zwar in Zusammenhang standen mit dem Namen 
B., die aber von dem Namen Klarenbeck (und durch die Tatsache, daß 
ich diesen auf meiner früheren Wohnung las) berührt wurden, während der 
Name Blankenzee an sich sie nicht wecken konnte und deshalb auch 
nicht verdrängt wurde. Vielleicht hat zu dem Vergessen auch beige- 
tragen, daß wir gewöhnlich eine gewisse antipathische Regung gegen 
jemand verspüren, der in einem Hause wohnt, wo wir selbst früher gewohnt 
haben (mir jedenfalls geht es so). 

7. Ein Fall von wiederholter Vers.tümmelung eines 

Namens. 

Neulich konnte ich folgenden ergötzlichen Fall von wiederholter 
Verstümmelung eines Namens wahrnehmen. Ein Kollege (der sich übri- 
gens ziemlich oft verspricht), der für einen Verein von Lehrern einen 
Vortrag über Freud hielt und dabei, wenngleich mit ziemlicher An- 
erkennung Freuds und seines Werkes, ausführlich Kritik übte, versprach 
sich wiederholt so, daß er statt „Freud" „Spruit" sagte (ungefähr 
ausgesprochen wie „Spreut"). Dieses sonderbare Versprechen beging 
er während seines Vortrages wiederholt; bisweilen verspürte er seinen 
Irrtum und korrigierte diesen, andere Male ließ er die Versprechung 
unbemerkt passieren. Bei der Diskussion sagte er wieder „Spruit", ohne 
es zu bemerken, und da wurde er vom Vorstandstisch korrigiert: 
„Freud". Ich konnte nicht unterlassen zu unterbrechen und ihn und 
die Versammlung darauf aufmerksam zu machen, daß man hier nun ein 
hübsches Beispiel von jenem Versprechen habe, das der Redner in 
seinem Vortrag beiläufig erwähnt hatte, aber ohne Beispiele davon zu 
erzählen. Der Redner antwortete, einigermaßen verlegen, daß dieses Ver- 
sprechen gewiß auch wohl eine Ursache haben würde, aber daß er 
doch wirklich nicht wisse, was diese Ursache sein könne. Es lag indessen 
auf der Hand, die vermutliche Ursache darin zu suchen, daß während 
er sich relativ anerkennend äußerte, seine innerliche Geringschätzung 
sich dadurch äußerte, daß er den Namen Freud" jedesmal verstümmelte. 
Später habe ich vernommen, daß des Redners Friseur „Spruit" 
heißt. Ob dieser Umstand oder ob die Bedeutung des Wortes „Spruit" 
(= Sprosse, Sproß, Sprößling ; auch fig.) Einfluß geübt hat beim Zustande- 
kommen dieses Versprechens muß ich selbstverständlich ganz unent- 
schieden lassen. 

Als ich später in einem Vortrage vor dem Arzte verein dieses Ver- 
sprechen auch erwähnt hatte, teilte dieser Kollege bei der Diskussion 
mit er habe inzwischen die Ursache seines damaligen Versprechens ent- 
deckt. Es sei eine „literale" Ursache, die darin bestehe, daß er in den 
Worten «volgens Freud» (= „nach Freud") die Buchstabenfolge s-p-r 
leichter aussprechen könne als die Folge f-r. Ich konnte ihm erwidern, 
daß dergleichen phonetische, grammatikalische usw. Faktoren doch un- 



Aus dem Alltagsleben. 31 

genügend wären, um zu erklären, daß er so oft dasselbe Versprechen 
begangen bei einem kurzen, einfachen Namen, den er doch wohl gut 
kennen müsse. — Die Mühe, die er sich bei dieser Diskussion gab, lang- 
sam und deutlich zu sprechen, hat ihn nicht daran gehindert, von mir 
zu reden als „Kollege Streike". 

8. Einige Beispiele von Versprechen. 

Jemand, der sich in seinen Gedanken mit der Frage beschäftigt 
hat, ob er Vorbeugungsniittel (und speziell Gummipräservativs, vom 
Publikum gewöhnlich «kapotjes» ') genannt) anwenden soll, sagt bald 
darauf in Gesellschaft zu einem alten Herrn, der zu Hause eine kleine 
Mütze («kalotje* = Kalotte, Kalottchen) trägt: «Zet je kapotjemaar 
op» („Setze dein »kapotje» mal auf"), statt «zet je kalotje maar op». 

9. Zur Zeit, da meine Frau und ich einigermaßen in Besorgnis 
waren, weil der Storch noch nicht in Sicht war, zeigte meine Frau 
jemandem ein Bildchen mit einer Hummel (holl. „hommel") und sagte: 
_Hast du das hübsche Bildchen gesehen, mit dem «hummel» (= Knirps) 
«hommel»? (= Hummel). 

10. Ein Irrtum im Datum. 

Obgleich ich mich wohl das eine oder andere Mal im Datum irre, 
irre ich mich in normalen Umständen niemals im Monat. Vor der ersten 
wie auch vor der zweiten Entbindung meiner Frau ist es mir aber ein 
paarmal geschehen, daß ich ein Datum nannte, welches ein gutes Stück 
jenseits des vermutlichen Datums der Entbindung lag. Z. B., indem die 
Niederkunft anfangs April erwartet wurde, sagte ich am 15. März 
morgens in der Sprechstunde, beim ersten Rezept, das ich schrieb : 
„Wir haben also heute 15. April", und bemerkte dann, daß ich mich 
geirrt hatte und das Ereignis schon hinter mir zu haben wünschte. 

11. «Gauw» und «grauw». (Rasch und grau.) 

Eines Abends, von einem Besuch heimwärts gehend, sage ich: 
„Wollen wir mit der Straßenbahn fahren", «om grauw (gauw) thuis 
te zyn?» (=um grau (rasch) zu Hause zu sein). Bei diesem Versprechen 
fällt mir zuerst ein, daß ich einen Augenblick zuvor etwas überdacht 
habe, wodurch das Leben einen Augenblick grau erschien, nämlich : 
wenn man keine unvergängliche Geistesarbeit produziert, worauf kann 
man dann zurückblicken, wenn man alt (grau) ist. Diesen Gedanken 
hatte ich mir aus den Sinn geschlagen, aber die Versprechung schien 
darauf hinzuweisen, daß ich mich mit der Frage beschäftigte, bereits unbe- 
wußt noch, worauf kann man dann zurückblicken, wenn mau alt (grau) 
ist und zu Hause sitzt. Ich finde es merkwürdig, daß mein zweiter 
Einfall bei dem Versprechen ist: „um, grau, z u Hause z u sein", 
d. h. „um, wenn man alt ist, ein gemütliches, trauliches Haus zuhaben". 

J ) «Kapotje* oder auch «kapothoed» ist auch der kleine Hut, wie ihn jetzt 
ältere Frauen tragen. 



ot> Dr. J. Stärcke. 



Es kommt mir vor, daß dieses Versprechen einigermaßen als Kompro- 
miß zu betrachten ist, daß darin der im Unbewußten noch fortgesetzte 
wehmutvolle Gedanke sich äußert, aber zugleich der Gedanke, womit 
ich mich trösten könnte. 

12. Eine Mutter fragte mich ; ob ihr Töchterchen denn nicht sehr 
hager ist. Ich antwortete : „sie hat zwar ein mageres Hälslein, «maar 
dat knipt .... knapt wel op» („aber das schneidet .... ver- 
schönert, verbessert wohl*), wenn sie nur gut ißt." — Meine 
Einfälle waren: „af- knippen" (ab-schneiden) und „op -knappen" 
(auf-machen, verschönern) — dann ein Gespräch, das ich eben mit 
einem anderen Patienten über die Zirkumzision geführt hatte, und 
in dem ich mich geärgert hatte über den Schlendrian und die Famihen- 
tyrannei, wodurch Menschen, die selber auf diesen Brauch durchaus 
keinen Wert legen, tatsächlich in Streit mit ihrer eigenen Überzeugung, 
ihr Kind dieser Verstümmelung unterziehen lassen. Dabei hatte ich auch 
gesagt, daß meiner Meinung nach, abgesehen von den hygienischen oder 
anderen Vor- oder Nachteilen, die Zirkumzision jedenfalls in ästhetischer 
Hinsicht eine Schädigung des Körpers ist. Wenn man bei den Kindern 
dieselbe Operation wegen Verengung der Vorhaut macht, sind die Eltern 
denn auch von dem ästhetischen Endresultat wenig erbaut, und es ist 
vorsichtig, sie im voraus davor zu warnen. — Jetzt begreife ich die Kom- 
bination: «afknippen» und «opknappen». Die Zirkumzision ist: etwas 
«afknippen» (abschneiden), wodurch das Kind nicht «opknapt» (ver- 
schönert) wird. 

13. Meine Frau sagt zu ihrem Kind Nr. 1, während Nr. 2 er- 
wartet wird: «Speel maar met de olifaar» (statt «olifant»), 

Spiel mal mit dem (Elefant) 

Olifaar ist eine Verdichtung von 1 i f a n t (= Elefant) und (0 v i e- 
vaar (= Storch). 

14. Eines Tages, nachdem ich mir Sorge gemacht hatte über das 
hohe Fieber eines Patienten, bitte ich einen meiner Hausgenossen, 
nach einer kleinen Schramme auf meinem Ohr zu sehen, worauf eine 
kleine Kruste sitzt, und ich sage : „auf meinem anderen Ohr sitzt «ook 
zoo'n k oorsj e» (statt «k or sj e») auch so ein („koortsje" = Fieberchen) 
(„korstje" = Krustchen). " In der Umgangssprache wird von den Ver- 
kleinerungsworten „koortsje" und „korstje" das t weggelassen, wodurch 
die Ähnlichkeit zunimmt und die Versprechung erleichtert wird. 

15. Ein junger Mann erzählt: „Gestern, in einer Straße, wo wir 
vorüberkamen .... wo ich vorüberkam, da waren Leute mit 
einer Übersiedlung beschäftigt, und da wurde «een papegaai afgewe- 
zen afgeheschen» *) (ein Papagei abgewiesen .... herab- 

l ) Ausgesprochen ungefähr: „afgeweessen . . . afgeheessen". 



Aus dem Alltagsleben. 33 

gebißt), mit einem Haken in den Gittern des Käfigs", usw. — Auf 
meine Fragen teilt er mir nach einigem Zögern mit, daß er bei der 
ersten, aber noch mehr bei der zweiten Versprechung ein Gefühl ver- 
spürte, als ob er etwas verriete. Und wirklich verriet er etwas etwas 
das man fast raten könnte : als er den Papagei herabhissen sah, ging er 
mit einem Mädchen, aber das „wollte er nicht wissen" (wie der Aus- 
druck so trefflich sagt), darum veränderte er beim Erzählen die Worte 
„wo wir vorüberkamen" eilig in: „wo ich vorüberkam". Er war eben 
damit beschäftigt, beim Mädchen vorsichtig auf den Busch zu klopfen 
um zu wissen, wie sie eigentlich über ihn dachte, ob sie ihn wohl 
mochte, und obschon ihre Antwort nicht unfreundlich war, hörte er am 
Ton wohl, daß ihr Herz „nein" sagte und daß sie die Pille der Abwei- 
sung nur etwas vergoldete. Im selben Moment blickte er zur Seite und 
sah, wie der Kärrner das Tau schießen ließ und der nervös schreiende 
und flatternde Papagei herunterkam. So wurden «afwyzen» (ausge- 
sprochen : afweissen = abweisen) und «afhijschen» (ausgesprochen af- 
heissen= herabhissen) auch durch die Gleichzeitigkeit im assoziativen 
Zusammenhang gebracht. 

Es ist der Bemerkung wert, daß die zwei Versprechen ver- 
schiedenartig sind. Bei dem ersten sagt er etwas] (das wahr ist), 
ohne daran zu denken, daß er das nicht ausplaudern dürfe «er 
plaudert seiner Nase vorbei» (verplaudert sich). Sobald er das bemerkt, 
vertauscht er es mit einer kleinen Unrichtigkeit („wo ich vorüber- 
kam"). Bei der zweiten Versprechung verrät sich etwas, daß ihm selber 
kaum bewußt gewesen war, in einer Form, worin er es noch nicht be- 
wußt ausgedrückt hatte („abgewiesen"), und dadurch sagt er etwas un- 
sinniges („ein Papagei abgewiesen"). Sobald er es bemerkt, vertauscht 
er das scheinbar unsinnige Wort mit dem Wort, daß er bewußt sagen 
wollte („herabgehißt"). Sein Unbewußtes hat aber, mit diesem scheinbar 
unsinnigen Worte, zwei sinnvolle Gedanken ausgesprochen, quer durch 
seinen beabsichtigten Satz, nämlich: „Als du diese Szene sahst, wurdest 
du eben abgewiesen", und zweitens : „wenn du auch noch soviel 
mit dem Mädchen redest, sie will doch nichts von dir wissen" ( ein 
Papagei abgewiesen"). 

In der Bildersprache könnte man sagen : bei dem zweiten Verspre- 
chen hat nicht er seiner Nase, sondern sein Unbewußtes hat seinem 
Bewußten vorbeigeplaudert. Obgleich das erste Versprechen eigentlich 
kein wesentliches Versprechen ist, beleuchtet es iu gewissem Sinne 
wieder einmal aufs neue das wahre Wesen des Versprechens. 

(Schluß folgt.) 



Zeiteol». f. ilr/tl. Psychoanalyse, IV/1. 



III. 

Professor Janet über Psychoanalyse. 

Eine Erwiderung von Ernest Jones M. D. (London). 
(Übersetzt von **.) 

Wie in allen anderen Zweigen der Wissenschaft, kommt es auch 
in der Psychopathologie nicht selten vor, daß ein Autor polemisch über 
die Anschauungen eines Forschers diskutiert, anstatt sie mittels wissen- 
schaftlicher Kritik auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Wenn der Urheber 
einer solchen polemischen Erörterung von der deutlichen Absicht geleitet 
wird, den Forscher in Mißkredit zu bringen, so kann er das zur Zu- 
friedenheit einer voreingenommenen und schlechtinformierten Hörerschaft 
am bequemsten dadurch erreichen, daß er dem Kritisierten Anschauungen 
unterschiebt, die dieser nie besaß, oder daß er die bei ihm vorfindlichen 
verdreht und entstellt. Er genießt dann den Vorteil, sich die Ansichten, 
die der ihm genehmen Kampfweise die besten Angriffspunkte bieten, 
nach seinem Belieben aussuchen zu können ; es ist ja leicht, die Ziel- 
scheibe zu treffen, die man sich nach eigenem Gutdünken aufgestellt hat. 
Wählt er zum Beispiel die Lächerlichkeit zu seiner Waffe, so muß er nur 
vorerst die Ansichten des Gegners durch Verdrehungen, Karrikaturen 
und Übertreibungen, wohl auch durch Erfindungen und Auslassungen in 
eine lächerliche Form kleiden; er wird dann selbst überrascht sein zu 
sehen, wie fest alle Pfeile des Witzes und der Satyre, die ihm zu Ge- 
bote stehen, an ihnen haften. 

Diese Art des Vorgehens ist nur zu gut bekannt : die meisten von 
uns haben sie am eigenen Leibe erfahren. Gewöhnlich pflegt man, wenn 
es nur irgend geht, anzunehmen, daß der Kritiker nicht vorbedacht han- 
delte, daß solche Äußerungen vielmehr die Ausflüsse unbeherrschter 
Tendenzen seines Seelenlebens sind. Man weist in solchen Fällen nur 
auf den Mangel an Objektivität tadelnd hin, der mit dem Berufe eines 
Kritikers so ganz unvereinbar ist. Wenn man jedoch seine guten Gründe 
zu der Annahme hat, daß diese Methode planmäßig angewendet 
wurde dann wird es doch notwendig die Stimme zu lautem Protest zu 
erheben um wenigstens die falschen Angaben, die gemacht wurden, in 
die Schranken der Richtigkeit zurückzuweisen. Eine solche Aufgabe mag 



Professor Janet über Psychoanalyse. 35 

freilich undankbar sein ; aber zu schweigen hieße sein Einverständnis 
damit bekunden, daß jede Redlichkeit und Billigkeit bei wissenschaft- 
lichen Veröffentlichungen unter das Minimum hinabgedrückt werde, 
welches einen Fortschritt der Wissenschaft überhaupt noch ermöglicht. 

Im vergangenen Jahre (1913) gab Professor Janet vor dem Internatio- 
nalen Kongreß in London in einem Vortrag eine Kritik der Psychoanalyse, 
die an zahlreichen Stellen so geartet und so tendenziös gefärbt war daß 
sie ihn dem ernstlichen Vorwurf vorbedachter Ungerechtigkeit aussetzte. 
Der einzige Entschuldigungsgrund, den er am Schlüsse der Diskussion 
vorzubringen wußte, war seine Unkenntnis der deutschen Sprache, die 
ihn ganz auf die französischen und amerikanischen Besprechungen der 
Aufsätze Freuds 1 ) verwiesen und so wohl eine Reihe von Ungenaui«- 
keiten verschuldet hatte; die Erklärung dafür, daß alle Ungenauigkeiten 
nach der gleichen Richtung zielten, blieb er schuldig. Ob diese Wissens- 
quellen eine ausreichende Grundlage für die entstellte Wiedergabe und 
die spöttische Kritik in den Aufsätzen bilden, mit denen Professor Janet 
vor die Öffentlichkeit getreten ist, muß dem Urteil des Lesers über- 
lassen werden. Ich für meinen Teil hätte die Sache auf sich beruhen 
lassen, wenn nicht Professor Janet es kürzlich für gut befunden hätte, 
seinen Vortrag, der ursprünglich in den offiziellen „Transactions of the 
Congress" erschienen war, sowohl im „Journal de Psychologie" als auch 
im „Journal of Abnormal Psychology" zu veröffentlichen, ohne nur- eine 
einzige falsche Angabe der ersten Fassung zu berichtigen. Selbst wenn 
seine Unkenntnis des Deutsehen bei der Abfassung des Vortrages tat- 
sächlich der Grund für die vielen Ungenauigkeiten gewesen wäre, — ich 
werde beweisen, daß dem nicht so ist, — selbst dann kann eine solche 
Entschuldigung nach dem Kongresse nicht mehr als stichhaltig angesehen 
werden. Ich fühle mich deshalb, so unangenehm die Aufgabe ist, ver- 
pflichtet, öffentlich gegen diese Art der wissenschaftlichen Streitführung 
aufzutreten und will versuchen, meinen Zweck einfach durch die Erör- 
terung einiger Stellen aus Professor Janets ursprünglichem Vortrag zu 
erreichen. 

Ein Beispiel von Entstellungsarbeit kann hier als Anfang dienen. 
Professor Janet findet, daß die F r e u d sehe Anwendung des Ausdruckes 
„sexuell" auf seelische Tendenzen ebensogut wie auf physische Akte, 
nur zu Begriffsverwirrungen führen kann, und gibt, um dies zu illustrie- 
ren, eine kurze Inhaltsangabe von Freuds Artikel über „Wilde Psycho- 
analyse". In diesem Aufsatz wird erzählt, daß ein Arzt, in der sonder- 
baren Meinung Freud darin zu folgen, diese beiden Auffassungen des Wortes 
„Sexualität" miteinander vermengt. Nun würde dieses Beispiel aber auf den 
Leser einen entschieden größeren Eindruck machen, wenn es sich so dar- 

") Es handelt sich hier tun Aufsätze, die nie aus dem Deutschen übertragen 
wurden, nicht um die Bücher, von denen Übersetzungen existieren. 

3* 



36 



Prof. Dr. Emest Jones. 



stellen ließe, als ob jener grobe Irrtum nicht von einem unwissenden 
Außenstehenden, sondern von einem Psychoanalytiker, womöglich einem 
direkten Schüler Professor Freuds, begangen worden wäre. Ein Hindernis 
steht dem leider im Wege. Professor Freud betont nämlich in dem ob- 
genannten Artikel ausdrücklich und nicht weniger als dreimal, daß jener 
Arzt ihm vollkommen unbekannt war, und daß er niemals seinen Namen 
gehört hatte. Er beweist zur Genüge, daß jener nicht einmal eine oberfläch- 
liche Kenntnis von den grundlegenden Lehren der Psychoanalyse gehabt 
haben kann und in den elementarsten medizinischen Dingen nicht be- 
wandert zu sein schien. Doch über eine solche Schwierigkeit hilft sich 
Professor Janets Erfindungskraft 1 ) leicht hinweg. In seiner nur acht- 
zehn Zeilen langen Inhaltsangabe des Artikels wiederholt er dreimal m 
den folgenden Ausdrücken, 2 ) daß jener Arzt ein Schüler Freuds gewesen 

sei. Eine Frau konsultiert einen jungen Arzt, einen Anhänger 

Freuds". „Als gelehriger Schüler sagte dieser junge Doktor der Pa- 
tientin" etc. . . . „Dieser junge Kollege .... scheint die Lehre, die 
man ihm beigebracht hatte, korrekt angewendet zu haben. Unglück- 
licherweise beklagte sich die Patientin, daß ihre Angstzustände durch 
diesen ärztlichen Rat eine erhebliche Steigerung erfahren hätten. Davon 
hörte Freud und sprach in einem energischen Artikel seine schärfste 
Mißbilligung für das Vorgehen seines allzu gelehrigen Schülers, der ihn 
in eine so unangenehme Lage gebracht hatte, aus. Dieser Schüler, sagte 
Freud, hatte" .... etc. Nun hörte ich zufällig einmal, wie ein junger 
Arzt Professor Janets Behandlungsmethode der Hysterie beschrieb; er 
sagte, sie bestehe in der Anleitung des Patienten, sich mittels Telepa- 
thie in seelische Verbindung mit einem spiritistischen Medium zusetzen. 
Dieselbe Verpflichtung, der Professor Jan et nachzukommen versäumte, 
besteht auch für mich, — nämlich mich mit den Ansichten meiner 
wissenschaftlichen Kollegen vertraut zu machen, besonders dann, wenn 
ich vorhabe, sie zu kritisieren. Und wenn ich auf einem Internationalen 
Kongreß und in zwei darauffolgenden Publikationen jenen jungen Arzt 
als gelehrigen und fähigen Schüler Professor Janets hingestellt hätte, 
so hätte, scheint mir, mein Kollege nicht übeln Grund gehabt, sich 
über mein Vorgehen zu beklagen. Doch gerade das tat Professor J an et, 
denn die Unwissenheit und Verdrehung der Wahrheit, die wir bei dem 
jungen Doktor finden, ist in dem einen Falle nicht größer als im 
andern. 

Professor Jan et verschmäht es auch nicht, durch Auslassungen 
auf die Erreichung seines Zieles hinzuarbeiten. Professor Freud zeigte 

') Daß die Erfindung ihren Ursprung bei Professor Jan et hat, laßt sich durch 
den Vergleich mit Achers Besprechung des Artikels, den Professor Jan et als In- 
formationsquelle angibt, feststellen. 

2 ) Ich zitiere nach dem „Journal of Abnormal Psychology" Vol. IX, p. 177. 



Professor Janet über Psychoanalyse. 37 

in einem Aufsatz über psychogene Sehstörungen, wie diese aus einem 
Konflikt über den Gebrauch des Augenlichts entstehen können, und 
legte klar, daß hysterische Blindheit eine Ersatzbildung, eine Art Ver- 
geltungsmaßregel für den Mißbrauch des Sehorganes darstellen könne. 
Als mythische Illustration dieser Theorie wird uns darin die Sage von 
der Lady Godiva geboten. In Achers Besprechung dieses Artikels, auf 
die sich Professor Janet beruft, findet sich darüber folgende Stelle: 
„In der schönen Sage von der Lady Godiva verbergen sich alle Ein- 
wohner des Städtchens hinter ihren verschlossenen Fenstern, um der 
Dame die Aufgabe, bei hellem Tageslicht nackt durch die Straßen zu 
reiten, zu erleichtern. Der einzige, der nach der entblößten 
Schönheit schaut, 1 ) wird bestraft, indem er erblindet. 2 ) 

Wir wollen nun sehen, was Professor Janet aus diesem Absatz 
macht (p. 153): „Diese schöne Frau war dazu verurteilt, nackt durch 
die Straßen zu reiten, und die Einwohner der Stadt machten es sieh 
zur Pflicht, die Fenstervorhänge herabzulassen und die Augen zu 
schließen, 3 ) damit niemand sie sehen könne. Sie machten sich 
aus Ritterlichkeit blind. 3 ) Wer könnte einer so poetischen Er- 
klärung widerstehen?" 3 ) Kurz, dadurch daß Professor Janet die Ge- 
schichte ändert und den Hauptpunkt, den Hinweis auf das Vergeltende 
der Strafe, ausläßt, gelingt es ihm, die Veranschaulichung „dieser erfin- 
dungsreichen Methode" zum bloßen Unsinn herabzudrücken. 

Doch kann ich ein noch deutlicheres Beispiel für das Vorgehen 
Janets geben: er schreibt in einem Artikel, der Freuds Ansichten 
über die Ursachen der krankhaften Angst behandelt (p. 169) : Freud sagt, 
daß wir in allen solchen Fällen immer die Störung des Sexuallebens als 
grundlegend und hauptsächlich ansehen müssen, einfach weil 3 ) eine 
gewisse Analogie zwischen den Krankheitssymptomen und sexuellen 
Phänomenen zu bemerken ist; weil 3 ) die Angst den äußeren Anzeichen 
der Sexualbefriedigung einigermaßen gleicht, muß 3 ) sie eine Sexual- 
störung sein. Uns sind vage Analogien dieser Art niemals als genügen- 
der Beweis für die determinierende Ursache erschienen . . . ." Tatsäch- 
lich macht Professor Freud zu Ende des betreffenden Artikels auf die 
besprochene Ähnlichkeit aufmerksam; doch ist es selbst für Professor 
Janet ein starkes Stück, alle die Detailargumente, die aufgezählten 
Fälle und Erfahrungen, aus denen Freud seine Schlußfolgerungen in 
Wahrheit zog, zu verschweigen und diese nebensächliche Äußerung als 
einzige Unterlage für sie hinzustellen. 



*) Hier sollte es heißen: n . . . der durch die Fensterläden . . . späht"; sonst 
stimmt die Stelle mit dem Aufsatz Freuds vollkommen überein. 
") Im Original nicht unterstrichen. 
8 ) Im Original nicht unterstrichen. 



38 



Prof. Dr. Ernest Jones. 



Man wird es nach all dem nicht anders erwarten, als daß sich in 
Professor Janets Artikel auch reichlich Beispiele von Übertreibungen 
finden; drei davon will ich herausgreifen: (1.) „Freud fordert die Ärzte 
auf, all ihr Nachdenken und ihre Tatkraft der Suche nach einem Prä- 
ventiv zu widmen, das allen Anforderungen eines harmlosen Geschlechts- 
verkehres entspricht" (p. 162). Selbstverständlich hat Professor Freud 
niemals etwas Ähnliches gesagt. Diese Behauptung ist einfach eine grobe 
Übertreibung einer ganz klaren diesbezüglichen Bemerkung. (2.) „Sie (die 
Freudianer) behaupten, daß bei jeder Neurose die sexuellen Störungen 
und sexuellen Erinnerungen nicht einfach ein, sondern der wesent- 
liche und einzige Grund der Erkrankung seien" (p. 158). Es ist 
natürlich bekannt, daß kein Anhänger Freuds diese Ansicht je gehegt 
oder gar verteidigt hat. Wir sind der Ansicht, daß die Sexualstörungen 
die spezifische Ursache bilden, daß aber alle möglichen anderen Ur- 
sachen von der Vererbung bis zum seelischen Shock mitwirken. Freud 
selbst beschäftigte sich des längeren mit diesen Ursachen und wurde 
nie müde, sie zu betonen. (3.) „Freud erklärt, daß diese pathologischen 
Entdeckungen für die Neuropathologie ungefähr das bedeuteten, was die 
Entdeckung der Nilquellen für die Geographie war; das bedeutet also, 
in dieser Wissenschaft die größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts" 
(p. 161). Was Professor Freud tatsächlich sagte, lautet so: „Ich glaube 
dies (die sexuelle Ätiologie der Hysterie) ist die Auffindung einer der 
Nilquellen der Neuropathologie". Das Wort „Nilquelle" ist natürlich 
nur als Metapher und nicht als Vergleich gebraucht; was Professor 
Janet sonst noch über die wichtigste Entdeckung usw. hinzufügt, ent- 
springt vollkommen seiner eigenen Phantasie. 

Wenn diese milderen Methoden nicht mehr genügen, schreckt Pro- 
fessor Janet auch nicht davor zurück, Ansichten frei zu erfinden und 
dann der Freud sehen Schule unterzuschieben. So schreibt er zum Bei- 
spiel: „Den Entdeckern der spezifischen Ursache der Neurose ist eine 
einfache und gleichzeitig sehr präzise Therapie an die Hand gegeben. 
Normaler und regelmäßiger Geschlechtsverkehr muß ja dann genügen, 
um alle neuropathischen Störungen zu beseitigen" (p. 162). Ich kann 
mir nicht vorstellen, daß irgend ein Arzt der Welt dieser Meinung ist, 
aus dem einfachen Grunde, weil ein großer Teil der neuropathischen 
Patienten diese Bedingung Jahre hindurch erfüllt hat, ohne dadurch sein 
Leiden zu beseitigen. Jedenfalls ist es klar, daß kein Psychoanalytiker 
diese Ansicht hegt; wozu würde er denn dann die Psychoanalyse be- 
treiben? Oder beschuldigt man uns, daß wir eine lange, mühevolle 
Behandlung empfehlen und durchführen und dabei ganz genau wissen, 
daß die Erkrankungen so leicht ohne diese geheilt werden können? 
Professor Janet scheint sich dieser Schlußfolgerung zuzuneigen, denn 
er schreibt an anderer Stelle (p. 181): „Die Psychoanalyse bedient sich 



Professor Janet über Psychoanalyse. 39 

anscheinend zweier Behandlungsmethoden. Die erste . . . rät dem Pa- 
tienten zum regelmäßigen und normalen Geschlechtsverkehr, mit Be- 
nützung eines idealen Präventivs." Hier braucht man Professor Janet 
vielleicht keinen anderen Vorwurf als den der Unkenntnis mit den 
elementaren Regeln einer psychoanalytischen Behandlung zu machen. 
Immerhin möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, daß es der Be- 
handlung überhaupt fern liegt, dem Patienten zu irgend etwas zu 
raten, ganz abgesehen von einem Rat so zweifelhafter und verantwor- 
tungsvoller Natur, wie er ihn anführt. 

Die grobe Unkenntnis der Tatsachen, auf die ich soeben hinwies, 
charakterisiert den ganzen Artikel so durchgehends, daß einem die Wahl 
unter den Beispielen dafür schwer wird. Immer wieder rückt Janet 
bei der Besprechung von Freuds Neurosentheorie die traumatischen 
Erinnerungen in den Vordergrund und vergißt zu erwähnen, daß Freu d 
in den letzten zwanzig Jahren diesen anfänglichen Standpunkt weit über- 
schritten hat, so daß er jetzt in seiner Theorie nur mehr eine außerordent- 
lich untergeordnete und beschränkte Stellung einnimmt. Eine Behauptung, 
wie die folgende z. B., ist in der hier gebrauchten Ausdrucksweise direkt 
unwahr (p. 162): „Er (Freud) fährt fort, die Neurosen und sogar einige 
Psychosen, wie z. B. die Dementia praecox, einer einzigen und sicher 
spezifischen Ursache zuzuschreiben, nämlich einer Sexualstörung, die 
durch ein Erlebnis, das als traumatische Erinnerung er- 
halten bleibt, hervorgerufen ist. 1 ) Dieselbe Kritik gebührtauch 
der folgenden Behauptung (p. 15): „Sie (die Psychoanalyse) versucht 
mit allen möglichen Mitteln die Existenz eines affektiven Gedächtnisses 
zu beweisen und scheint die Aufdeckung dieses als Zweck und Ziel der 
seelischen Analyse zu betrachten." Professor Janet kann von dieser 
Idee so wenig loskommen, daß er sie sogar auf das von Jung einge- 
führte Assoziationsexperiment ausdehnt. Er sagt mit Bezug auf das 
Vorkommnis einer Reaktionsverzögerung (p. 14) : „Es wäre sehr gefähr- 
lich, eine traumatische Erinnerung als gesichert anzunehmen, einfach 
darum, weil die Reaktionszeit etwas länger ist." Das ist allerdings 
auch meine Ansicht. 

Wir erfahren ferner (p. 15), daß „Freud, im Gegensatze zu an- 
deren Autoren, sich nicht um die Erinnerungsstörungen, die viele 
Träume umformen, zu kümmern scheint, noch um die Systematisierung 
des Traumes im Moment des Erwachens." Freud aber gab nicht nur 
als erster durch ein eingehendes Studium dieses interessanten Vorganges 
eine genaue Erklärung für ihn, sondern prägte auch einen eigenen Aus- 
druck „die sekundäre Bearbeitung" dafür ; es ist dies eine der vier 
großen Akte, in welche er die Traumarbeit zerlegt. Übrigens verwechselt 

') Im Original nicht unterstrichen. 



40 



Prof. Dr. Ernest Jones. 



Professor Jan et an einer anderen Stelle (p. 33) eine zweite von diesen, 
die „Verschiebung", mit dem davon ganz verschiedenen Vorgang der 
„Übertragung". Was nun den für die Psychoanalyse grundlegenden Begriff 
„Verdrängung" betrifft, so muß wohl jeder, der sich darin auskennt, 
darüber lächeln, daß Professor Jan et (p. 28) das Nichtrauchen aus 
Gesundheitsrücksichten als ein geeignetes Beispiel dafür erachtet. 

In dieselbe Kategorie gehört auch die von Professor J a n e t mehr- 
mals wiederholte Behauptung, daß „die psychoanalytischen Auslegungen 
willkürlich und launenhaft sind und mit der größten Leichtigkeit ins 
unendliche variiert werden können". Die Behauptung hat weiter keinen 
Wert, weil er einfach nicht weiß, daß diese Auslegungen das gerade 
Gegenteil davon sind und auf objektiven Prinzipien beruhen, die nur 
die Tatsachen, aber keinerlei persönliche Auffassungen in Rechnung 
ziehen, (p. 167): „Man könnte leicht analog dem Freud sehen ein 
System aufbauen, das die Angst zur Grundlage hat." Ehe ein solches 
System tatsächlich konstruiert ist, bleibt das eine ganz ungerecht- 
fertigte Rede ; und wenn es wirklich geschähe, so würde man dann bald 
herausfinden, welche von den beiden Theorien auf Tatsachen, welche 
auf bloßer Phantasie beruht. 

In seiner feindlichen Einstellung gegen die Psychoanalyse läßt sich 
Professor Jan et oft zu so groben Übertreibungen hinreißen, daß eine 
detaillierte Prüfung seiner angeblichen Kritik dadurch ganz überflüssig- 
gemacht wird. So können z. B. Bemerkungen, wie die folgende, leicht 
einer Entgegnung entbehren: „Ich würde mich getrauen, auf dieselbe 
Weise darzulegen, daß Tuberkulose und Krebs die indirekten und un- 
vorhergesehenen Folgen von Masturbation bei kleineu Kindern sind" 
(p. 179). Ähnliches finden wir bei der Beschreibung der Vorstellung, die 
er von der Behandlung psychoanalytischer Patienten hat: „Sie tühlen 
sich geschmeichelt, daß die an ihnen angestellten Beobachtungen zur 
Aufstellung einer medizinischen Theorie, die alle Leiden der Menschheit 
heilen wird, verwendet werden (sie!); sie empfinden einen berechtigten 
Stolz bei dem Gedanken, daß sie gemeinsam mit einem großen Manne 
an der Neubelebung der Medizin arbeiten können" (p. 181). Weiß Pro- 
fessor Jan et nicht, daß Freud seinen Patienten jede Kenntnis der 
Psychoanalyse, bis auf die Tatsachen, die sie selber entdecken, sorgfältig 
fernhält, und glaubt er im Ernst, daß jener mit oder ohne Absicht be- 
müht sei, sie auf solche Gedanken zu bringen'? Was wäre denn dann 
mit den zahllosen Patienten, die nicht „mit einem großen Manne gemein- 
sam wirken," sondern sich einfach, um zu genesen, von ganz alltäglichen 
Menschen behandeln lassen? 

Ich will mich nicht weiter in eine Untersuchung über den Grund 
für die durchgehends tendenziöse Färbung des J a n e t sehen Artikels ein- 
lassen und nur noch einige Bemerkungen über eine historisch interes- 






Professor Janet über Psychoanalyse. 41 

sante Frage hinzufügen, nämlich über die Beziehungen der Psychoana- 
lyse zur psychologischen Analyse, deren unbestreitbar hervorragendster 
Vertreter und Vorkämpfer Professor Janet ist. Ich werde zu dieser 
Erörterung dadurch veranlaßt, daß Professor Janet in seiner Bespre- 
chung erstere vollkommen von der letzteren ableitet und die ganz neue 
Ansicht ausspricht, daß Professor Freuds Arbeiten ihre Existenz tat- 
sächlich seinen eigenen verdanken. Ich will von den vielen Beispielen 
wieder nur einige herausheben. Nachdem er darauf hingewiesen hat 
daß „die Psychoanalyse ausschließlich auf seinen ersten Studien über 
traumatische Erinnerungen basiert" (p. 19), sagt er weiter, daß sie 
„von der psychologischen Analyse die Idee der traumatischen Erinnerun- 
gen lieh'' (p. 19). Ebenso lesen wir, daß Professor Janets früheren 
Studien „die Ehre zukommt, Freud bei seinen Arbeiten über den Mecha- 
nismus der traumatischen Erinnerungen inspiriert zu haben. An gewissen 
Stellen erscheinen mir die von ihm angebrachten Veränderungen äußerst 
geringfügig" (p. 25). „Dieser Autor (Freud) und seine Schüler scheinen 
meine ersten Untersuchungen über die Existenz und Charakteristik von 
unbewußten Phänomenen bei Hysterischen ohne jede Kritik zum Aus- 
gangspunkt ihrer Forschungen genommen zu haben" (p. 26). Auch die 
psychoanalytische Methode selber scheint einen ähnlichen Ursprung zu 
haben. Es wurde schon oben bemerkt, daß sich die Psychoanalyse, nach 
Professor Janet, „zweier Behandlungsmethoden bedient". Die eine besteht 
darin, daß man dem Patienten zu regelmäßigem Geschlechtsverkehr rät. 
„Die andere Methode .... verallgemeinert, meiner Ansicht nach, die 
Anwendung einer seelischen Untersuchung, auf die ich selber in meinen 
ersten Arbeiten hinwies" (p. 182). Über die Beziehung seiner ersten Ar- 
beiten zu den „Studien über Hysterie" von Breuer und Freud, 
schreibt Professor Janet: „Diese Autoren haben bei ihren psychologi- 
schen Beschreibungen höchstens einige Ausdrücke geändert: was ich 
psychologische Analyse nannte, wurde bei ihnen zur Psychoanalyse ; für 
den von mir gebrauchten Ausdruck „psychologisches System" setzten 
sie das Wort „Komplex" ein, um dadurch das Ensemble seelischer Erschei- 
nungen und Bewegungen zu bezeichnen, die sich zur Entstehung einer 
traumatischen Erinnerung verbinden; und was ich als eine Dissoziation 
fixer Ideen oder moralische Läuterung beschrieb, belegten sie mit dem 
Namen „Katharsis". Die Namen waren verschieden, aber die Haupt- 
begriffe, selbst solche, die wie das „psychologische System" noch nicht 
völlig geklärt waren, wurden ohne Abänderung angenommen" (p. 10). 
Kurz, die „Studien über Hysterie" unterschieden sich von den Arbeiten 
Professor Janets nur durch drei neue Bezeichnungen. Für diejenigen, 
die, im Gegensatz zu Professor Janet, jenes Buch wirklich gelesen 
haben, bedarf diese Behauptung gar keines Kommentars. Ich will mich 
auch auf eine einzige Bemerkung beschränken : es wird uns nicht weiter 



42 



Prof. Dr. Kniest Jonts. 



Wunder nehmen, daß Professor J a n e t nicht nur keine neuen Ideen in dem 
Buche fand, sondern daß auch von den drei neuen Bezeichnungen, die er 
tatsächlich zu finden meinte, zwei gar nicht darin enthalten sind, die dritte 
aber von ihm mißverstanden wurde. Die erste Bezeichnung „Psycho- 
analyse" wurde erst einige Zeit nach dem Erscheinen des Buches geprägt, 
und das Wort „Komplex" überhaupt nicht von Breuer oder Freud, 
sondern etwa zehn Jahre später von der Züricher Schule eingeführt. 
Wenn man Professor Janets Darstellung des Sachverhalts liest, 
muß man daraus schließen, er stehe unter dem Eindruck, daß die Psycho- 
analyse aus einer kritiklosen Übernahme und entstellenden Übertreibung 
der früher von ihm ausgearbeiteten Grundsatze entstanden sei, so daß 
er sich in der schrecklieben Lage eines Mannes befindet, der sein Werk 
vor seinen eigenen Äugen vergewaltigt sieht. Vielleicht wird er sich 
erleichtert fühlen, wenn er hört, daß sich in Wahrheit alles ganz 
anders verhält. Der Ursprung und die Entwicklung der Psychoanalyse 
verlief in ihrem ganzen Werdegange unabhängig und unbeeinflußt von der 
psychologischen Analyse im Sinne Janets und wäre auch nicht um ein 
Haar anders gewesen, wenn Professor Janets Arbeiten niemals erschie- 
nen wären. Die in den „Studien" erwähnten Übereinstimmungen zwischen 
beiden waren keineswegs das Resultat von Professor Janets früheren 
Forschungen; Breuer und Freud waren vielmehr zu diesen Ergeb- 
nissen gelangt, einige Jahre ehe jener überhaupt etwas publiziert hatte ; 
ebenso verhält es sich mit den zahlreichen Meinungsverschiedenheiten, 
wie z. B. über den Begriff des Abreagierens usw. Allerdings war Janets 
erste öffentliche Mitteilung der von Breuer und Freud um sieben 
Jahre voraus; doch ist es ein offenes Geheimnis, auf das Professor F r e u d 
in einem kürzlich erschienenen Aufsatz selber hinwies, daß Breuer aus 
persönlichen Gründen das Erscheinen der gemeinsamen Arbeit verzögerte. 
Das Zusammenwirken der beiden Autoren begann volle zehn Jahre vor 
ihrer ersten Veröffentlichung, und in den „Studien" finden wir aus- 
drücklich bestätigt, daß einer der mitgeteilten Fälle vierzehn Jahre vor 
der Publikation nach der karthartischen Methode behandelt wurde. 1 ) 
Professor Jan et hat unzweifelhaft das Recht, die Priorität in der 
Veröffentlichung gewisser Ideen für sich zu beanspruchen, doch kann 
er jede Verantwortlichkeit für die Entwicklung der Psychoanalyse ruhig 
von sich abwälzen. 

') Anmerkung des Herausgebers. Ich bin genötigt, Dr. Jones in einem für 
seine Polemik unwesentlichen, für mich aber bedeutsamen Punkte zu berichtigen. 
Alles über die Priorität und Unabhängigkeit der später psychoanalytisch genannten 
Arbeit Gesagte behält seine Richtigkeit, bezieht sich aber allein auf die Leistung 
Breuers. °Meine Anteilnahme setzte erst 1891/92 ein. Was ich übernommen habe, 
habe ich nicht von Jan et, sondern von Breuer empfangen, wie wiederholt öffent- 
lich anerkannt. 



Professor Janet über Psychoanalyse. 43 

Auf dem Internationalen Kongreß für Neurologie und Psychiatrie 
der im Jahre 1907 in Amsterdam abgehalten wurde, bezeichnete Pro- 
fessor Janet, in kurzer Erledigung der Freud sehen Theorie der Hy- 
sterie, sie einfach als „une mauvaise plaisanterie" ; es muß dem Urteil 
des Lesers überlassen bleiben, ob sein jetziger Versuch einer Kritik von 
größerem positiven Werte ist. In seinem 1913 vor dem Internationalen 
Medizinischen Kongreß gehaltenen, gegen das Werk Professor Freuds 
gerichteten Vortrag, hat sich Professor Janet meiner Ansicht nach dazu 
hinreißen lassen, einen groben Mangel an Objektivität zu verraten. 



Mitteilungen. 

i. 

Die Äußerungen des Ödipuskomplexes im Kindesalter. 

Von Dr. S. Spielrein. 

Die Äußerungen der Sexualität im Kindesalter sind von deren Äußerungen 
bei Erwachsenen verschieden. Deswegen scheint es mir zweckmäßig, den kind- 
lichen Ödipuskomplex im Zusammenhange mit der kindlichen Sexualität zu 
besprechen. 

Man vergißt es immer wieder, daß dio sogenannte „Sexualität" nicht 
lokal auf die äußeren Zugangsoigane beschränkt bleibt, sondern daß man 
auch Irradiationen der Sexualität und sekundärer Geschlechtsmerkmale unter- 
scheidet, welche mit der Funktion der Keimdrüse im innigsten Zusammen- 
hange stehen. Otto Adler referiert einen von Anders mitgeteilten Fall 
von „voller" Voluptas und Libido bei Uterus rudiinentarius duplex mit voll- 
ständigem Fehlen der Vagina (Vagina solida). Der Koitus erfolgte per Urethram. 1 ) 
E. St ein ach hat hochinteressante Versuche mit Feminierung von Männchen 
und Maskulierung von Weibchen angestellt. Die Resultate der Versuche faßt 
Referent Otto A d 1 e r kurz folgendermaßen zusammen: 2 ) „Bisher hatte Stei- 
nach gezeigt, daß ein Männchen mit eingeheiltem Ovarium im männlichen 
Wachstum zurückbleibt, daß es die femininen Formen des Skeletts, ein feines 
sich anschmiegendes weibliches Haarkleid annimmt, weibliche Brustwarzen und 
Brustdrüsen ausbildet und Mut, Rauflust und männlichen Trieb derart auf- 
gibt, daß solche feminierte Männchen sogar als Weibchen agnosziert 
und besprungen werden." „Die maskulierten Weibchen werden richtige 
Männchen in bezug auf Körperbau, Behaarung und männlichen Sexualtrieb. 
Sie bespringen das brünstige Weibchen und kämpfen mit einem anderen rich- 
tigen Männchen um den Besitz. Es hat also eine volle Erotisierung des Zen- 
tralnervensystems in umgekehrter Richtung stattgefunden. Aus den Versuchen 
schließt Stein ach mit Recht, daß der Geschlechtscharakter nicht fixiert und 
vorausbestimmt ist, daß die Anlage des Embryo weder eingeschlechtlich noch 
zweigeschlechtlich, sondern asexuell oder indifferent ist." 

Durch Austausch der Pubertätsdrüsen beim noch unreifen Individuum 
kann mau den Geschlechtscbarakter vollständig umwandeln." 

Wenn nun männliche oder weibliche Keimdrüsen durch ihre Tätigkeit 
das Zentralnervensystem entsprechend „erotisieren" können — dann dürfen 
wir umgekehrt aus der „Erotisierung" des Zentralnervensystems auf die 
Tätigkeit der entsprechenden Keimdrüse schließen. 

') Zeitschr. f. Sexualwiss. I.Bd., IL Heft, Mai 1914, S. 75. 
*\ Zeitschr. f. Sexnalwiss. I. Bd., I. Heft, April 1914, S. 39. Ich zitiere nur die 
Stellen des Referates, welche für unsere Zwecke wichtig sind. 



Dr. S. Spielrein: Die Äußerungen des Ödipuskomplexes. 45 

Schon im Säuglingsalter lassen sich die kleinen menschlichen Weibchen 
und Männchen auch nach sekundären Geschlechtsmerkmalen voneinan- 
der unterscheiden. Die Wissenschaft weiß, daß Buben im Säuglingsalter die 
gleichaltrigen Mädchen an Größe übertreffen. Aufmerksame Mütter und Pfle- 
gerinnen können manchmal dem Gesiehtchen und Schreien nach in diesem 
Alter das Geschlecht feststellen. Die weiblichen Gesichtchen sind oft schon 
jetzt viel zarter und das Stimmchen um mehr als eine Oktave höher. Ich 
spreche dies teilweise aus eigener Erfahrung, indem ich auch jetzt ein 5 Mo- 
nate altes Mädi und einen 4 Monate alten Bubi vor mir sehe, bei welchem 
mich zuerst dieser auffallende Kontrast in dem Gesiehtchen und Stimmchen 
überraschte. Seitdem habe ich es noch mehrere Male beobachtet. Die geschlecht- 
liche Differenzierung wird selbstverständlich nicht in allen Fällen so früh und 
so deutlich ausgesprochen sein, weil die Keimdrüsen ja doch nicht so ent- 
wickelt sind wie bei Erwachsenen ; auch ist es durchaus wahrscheinlich, daß 
Rudimente der gegengeschlechtlichen Keimdrüsen in diesem zarten Alter noch 
eine viel beträchtlichere Wirkung haben und somit die Wirkung der später 
dominierenden Keimdrüse paralysieren. Deswegen erlaubt uns eine mangel- 
hafte Differenzierung zwischen weiblichem und männlichem Typus in diesem 
Alter keine Schlüsse auf Asexualität des Säuglings zu ziehen und im Gegen- 
teil : wenn wir in einigen Fällen bereits Säuglinge nach sekundären Geschcchts- 
merkmalen unterscheiden können, sind wir berechtigt, auch in anderen gleich- 
altrigen Fällen eine, wenn auch noch nicht so geschlechtlich differenzierte 
Tätigkeit der Keimdrüsen anzunehmen. Sollten über das Säuglingsalter Un- 
einigkeiten herrschen, dann dürften diese Zweifel bei Beobachtungen des 
Kindesalters schwinden. Unter „Kindesalter" verstehe ich, nach Vorschlägen 
einiger Pädagogen, das Alter zwischen zwei und sechs Jahren, in welchem es 
noch keine „Knaben" und „Mädchen" geben soll. 

Tagtäglich belehrt uns die Wirklichkeit über ganz verschiedenartige 
Spiele bei den Kleinen beiderlei Geschlechts ; tagtäglich hören wir, daß auch 
die kleinsten Buben viel unartiger, während die Mädelchen viel sanfter und 
lenkbarer sind. Eine Pflegerin, die ich als zuverlässig kenne, welche in einer 
Fürsorgeanstalt mit Säuglingen und Kindern bis zu drei Jahren zu tun hatte, 
erzählte mir viel „Drolliges" über das Benehmen der Kinder. Die Buben 
waren auch hier Führer bei allen Unarten. „Was ein paar solche Wüstlinge 
tun, machen sofort die übrigen Kinder nach." Die Mädelchen waren viel 
scheuer und trauten sich mit ihren mütterlichen Instinkten hervor, wenn sie 
sich nicht beobachtet glaubten ; es gab solche, welche dann alles sauber 
machten, Frieden stifteten, den Beleidigten streichelten u. dgl. mehr. Dabei 
ist zu berücksichtigen, daß diese Anstaltspfleglinge kein elterliches Milieu vor 
sich hatten, wo sie das Verhältnis von Vater und Mutter mit der üblichen 
Tonangebung seitens des Vaters nachahmen könnten. Die Kinder sahen lauter 
Frauen vor sich und die meisten, welche „unehelich" waren, haben ihren 
Vater nie gekannt. 

Mit einiger Vorsicht teile ich Fälle mit, aus welchen ich auf eine vom 
Nahrungstrieb emanzipierte Liebe zu Personen schließen möchte. Den Kinder- 
ärzten ist die oft recht früh beginnende Erscheinung der Nahrungsverweigerung 
bei den Kleinen gut bekannt und man führt sie oft auf Nervosität zurück. 
Ein zw eiund halbjähriges Mädchen, Anstaltszögling, litt an einer schweren Form 
der Nahrungsverweigerung, bei welcher alle Mittel versagten bis auf eines : 
im gleichen Zimmer befand sich ein kleines Bubi. Es war ein sehr gut- 
mütiges Kind ; dieses ahmte die Pflegerin nach, machte große Augen und sagte 



aq Mitteilungen. 

zu der Kleineu „Cara isch" (Klara iß) ; darauf aß die Klara. Sie aß immer 
in seiner Gegenwart und nur in seiner Gegenwart. Sollte hier die Angst im 
Spiele sein, dann müßte sie längst vor der Sondenernährung Angst haben, 
welche manchmal ohne Erfolg angewandt wurde. 

Ein anderes Mädchen, etwa 3 Jahre alt, welches bei ihren Eltern 
wohnte, war lustig, gesund, übermütig. Sie kannte noch kein Schamgefühl und 
die Aufforderungen der Erwachsenen „Deck dich zu", wenn sie sich entblößte, 
waren wirkungslos. Es genügte aber zu sagen : „Deck dich zu — Motia 
geht" und die Kleine begann sich hastig zu bedecken. Motia war der Ange- 
stellte ihres Vaters, ein braver, anständiger, gutmütiger Mann. 

Ein kaum 2 Jahre altes Mädchen mochte ihren einige Monate alten Bruder, 
welcher nun zum Mittelpunkte der elterlichen Fürsorge wurde, nicht leiden 
und wollte ihm die Augen auskratzen. Ein Mittel halt: wenn das Brüderchen 
ihrer Pflege anvertraut wurde, saß die Kleine frei an seiner Wiege, sang 
ihm Liedchen, und die Mutter konnte fort, ohne Angst zu haben für das 
Schicksal des Bübchens. 

Ich glaube der Fall zeigt sehr gut den Kampf zwischen der „egoisti- 
schen" Regung des sich nach Elternliebe sehnenden Kindes und der „altrui- 
stischen" Regung, dem Wunsche selbst Mutter zu sein. Der „Ödipuskomplex 
ist in diesem Falle vorhanden. Bei der ersten Regung will die Kleine dem 
Bruder weghaben, um die Liebe der Eltern für sich zu gewinnen ; bei der 
zweiten Regung möchte sie die Stelle der Mutter annehmen, um das Brü- 
derchen für sich zu haben. Vom Verhältnis zum Vater während dieser Zeit 
konnte die analytisch nicht geschulte Mutter nichts angeben. Später hatten 
Schwester und Bruder einander sehr gern und spielten immer „Papa und 
Mama". 

Die Bevorzugung des entgegengesetzten Geschlechtes im Kindesalter habe 
ich mehrmals beobachtet, ich muß aber dahingestellt lassen, ob die Sexualität 
des Kindes bereits so weit entwickelt ist, daß sie ein gegengeschlecht- 
liches Objekt vorzieht, oder ob man die Ursache in der Psychologie der Eltern 
suchen soll, indem der Vater instinktiv das zartere, fügsamere Mädchen bevor- 
zugt, während die Mutter dann den Knaben in den Schutz nimmt; nicht zu 
übersehen wäre auch, daß Erziehung und Triebregungen der Kleinen ihre 
Interessen eher mit dem gleichgeschlechtlichen Teile kollidieren lassen und 
diesen dann zum Rivalen stempeln. Es kann z. B. viel ober der Knabe in 
seinen Phantasien den Vater besiegen und niederschmettern wollen, weil Letz- 
terer zum Beispiel viel besser kutschieren kann wie der kleine Träumer. 

Ein Vater, welcher in seine beiden Töchter, namentlich in die jüngste, 
direkt „verliebt" war, erzählte mir, wie leidenschaftlich ihn seine älteste 
Kleine liebte ; sie las ihm seine Wünsche an den Augen und an jeder seiner 
Bewegungen ab und küßte ihn so leidenschaftlich, „wie eine kleine Frau 
(Ausdruck des Vaters). Als das Kind ihr Pubertätsalter erreichte, wurde 
sie äußerst eigensinnig und schwer zu lenken; am heftigsten leistete sie 
dem Vater Widerstand, von welchem sie nicht die geringste Zurechtweisung 
ertragen konnte, ohne sehr ungezogen zu werden; es schien direkt als hasse 
sie jetzt den früher abgöttisch geliebten Vater. Im Stadium der Liebe kannte 
ich das Mädchen. Bei erotischen Verhältnissen unter Erwachsenen sind uns 
diese Verwandlungen der Liebe in Haß wohlbekannt. Der Haß setzt eine 
starke Liebe voraus, welche man aus irgend welchem Grunde nicht zulassen 
darf ( Verdrängung" nach Freud). Gerade im Pubertätsalter, wo sich das 
Kind zu einem jungen Mädchen entwickelt, darf es die frühere erotische Be- 



Dr. S. Spielrein: Die Äußerungen des Ödipuskomplexes. 47 

Ziehung zum Vater nicht mehr haben, und sie haßte den Vater, weil sie ihn 
im Grunde der Seele immer noch wie früher liebte. 

Nun erübrigt die Frage, welche Rolle bei dem kindlichen Ödipus- 
komplex die sogenannten „erogene Zonen" spielen. Die sexuellen Perversionen 
bei Erwachsenen zeigten, daß sexuelle Lustempfindungen (resp. deren Äquiva- 
lente) aus verschiedenen Körperregionen zu schöpfen sind. Direkte Beobach- 
tungen über „erogene Zonen" bei „normalen" Kindern fehlen mir, ich muß 
aber hinzufügen, daß wir bis jetzt gewöhnt waren, Kinder, an welchen wir 
Derartiges beobachtet haben, nicht mehr zu den „normalen" zu rechnen. Ana- 
lysen der normalen und neurotischen Erwachsenen sind insofern nicht ein- 
wandfrei, als man einer Erinnerungsfälschung und sekundäre Inszenierung ver- 
schiedener kindlichen Empfindungen nicht immer mit Bestimmtheit ausschließen 
kann. Hier können uns manchmal Tagebücher oder sonstige Schriften aus der 
Kindheit unserer Patienten helfen. Jüngst kam mir ein solches Schriftstück 
von einem Knaben zu. Darin waren symbolisch seine Gebete und Schicksals- 
beschwörungen 1 ) angedeutet, welche mich nach der Analogie mit Erwachsenen, 
meist Dem. praecox-Kranken, an onanistische Betätigungen des Kleinen 
denken ließen. 

Meine Vermutung erwies sich als richtig, weil mir der Knabe ohne jede 
Andeutung meinerseits seine Symbolik als Schuf zsynibolik gegen die von ihm 
ausgeübte Onanie erklärte. Der Knabe gilt nicht als krank, ist auch nie in 
meiner Behandlung gewesen; er ist nervös wie so viele Kinder in unserem 
Zeitalter. Sollte er einmal als Erwachsener analysiert werden, dann würde 
mancher Arzt, der das kindliche Schriftstück nicht gesehen hat, an Erfindung 
des Erwachsenen mit Projektion in die Kindheit denken. Dieser und ähnliche 
Fälle bestärkten mich in der Meinung, daß wir den Reminiszenzen aus der 
Kindheit doch einen gewissen Glauben schenken müssen. Der geübte Arzt wird 
schon aus der Symbolik feststellen können, was an der „Erinnerung" wahr und 
was erdichtet ist. Ich glaube kaum, daß Kinder den Ödipuskomplex in der 
vollendeten Form eines sexuell reifen Erwachsenen besitzen, hingegen scheint 
es mir durchaus möglich zu sein, daß auch „normale" Kinder aus irgend 
einer erogenen Zone nicht nur autoerotisch Genuß schöpfen ; das Vorhanden- 
sein eines Liebesobjektes in diesem Falle, welches die erogene Zone reizt, 
würde ohne weiteres das Zustandekommen des Ödipuskomplexes erklären 
(natürlich geschieht die Vernichtung des Gegners in der von Freud geschil- 
derten Form der Beseitigung). 

Mein Material ist reicher an abnormen Kindern. Hier gibt es manch- 
mal recht prägnante Fälle ; so kannte ich einen noch nicht 2 Jahre alten 
Buben, der von musikalisch sehr begabten Eltern stammte. Das Kind wohnte 
bei seiner Großmama. Körperlich konnte ich nichts Abnormes an ihm finden, 
wohl aber geistig; der Knabe sprach noch nichts spontan, während er 
gut nachsprechen konnte; namentlich wendete er große Aufmerksamkeit Ge- 
räuschen und Tönen zu, die er dann gut nachahmte. Durch Gesang ließ er 
sich vollständig überwältigen. Bei einer traurigen Melodie füllten sich seine 
Augen mit Tränen, er streichelte und küßte die Sängerin (es waren nur Frauen 
um ihn) und bat sie flehentlich, doch weiter zu singen. Manchmal hatte er Wut- 
ausbrüche, er schlug um sich herum, schrie, warf sich auf den Boden und 
zeigte durch allerlei Gebärden, daß er geschlagen werden wolle ; er gab nicht 
nach, bis man seinen Wunsch erfüllte, worauf er sanft und weich wurde. Nun 
resümiere ich : aus mangelhaft entwickelten äußeren Geschlechtsorganen darf 



l ) Vgl. Freuds Bemerkungen über Zwangsneurose und Religion. 



4g Mitteilungen. 

man keine Schlüsse auf das Fehlen von Sexualemptindungcn ziehen, weil, wie 
der von E. Anders publizierte Fall zeigt, bei kümmerlich entwickelten 
äußeren Geschlechtsorganen normale Libido sexualis bestehen kann. Die Ver- 
suche Steinachs zeigten, wie vollkommen sich der Charakter des jugendlichen 
Tieres mit der Änderung der Keimdrüse umwandelt. Daraus folgt, daß wir 
aus gewissen Charaktereigenschaften eine entsprechende Tätigkeit der Keim- 
drüsen annehmen müssen, natürlich auch bei Kindern ; wir haben gar keinen 
Grund, die Erotik gerade beim Kinde zu leugnen, wenn sie in Spielen und 
Gebärden von Knaben und Mädchen zum Vorschein tritt, ebensowenig haben 
wir Grund, a priori die sexuellen Empfindungen beim Kinde zu leugnen und 
jede seelische Regung, selbst Liebe, aus dem allein vorhandenen Nahrungs- 
bezw. Selbsterhaltungstriebe abzuleiten. 1 ) 

Eine durchgreifende Vorliebe für das entgegengesetzte Geschlecht habe 
ich bei Kindern nicht beobachten können. Der kindliche Ödipuskomplex äußert 
sich in der Regel so, daß man irgend eine Person, meist Vater oder Mutter, 
lieber hat, mit dieser allein bleiben möchte und deshalb die anderen Fami- 
lienmitglieder wegwünscht. 

Das Bedürfnis nach nicht mehr autoerotischer Lustgewinnung aus irgond 
einer erogeuen Zone und die daraus folgende körperliche Fixierung an Per- 
sonen der Umgebung habe ich bloß an seelisch abnormen Kindern beobachten 
können, muß aber hinzufügen, daü mein Beobachtungsmateria] fast ausschließ- 
lieh aus nervösen Kindern besteht und daß wir in der Regel gerade diese 
Kinder für nervös erklären, bei welchen wir diese Phänomene beobachten. 
Ich glaube, daß zwischen nervösen und gesunden Kindern eher ein bloß 
gradueller Unterschied vorhanden sein wird, ebenso wie der Unterschied zwischen 
normalen uud neurotischen Erwachsenen ein bloß gradueller ist. Oben habe 
ich kurz erwähnt, warum ich Erfahrungen, welche ich aus Analysen bei Er- 
wachsenen besitze, in diesem Beitrage gemieden habe. 

2. 
Kleine Mitteilungen aus der psychoanalytischen Praxis. 

Von Dr. J. Sauger, Wien. 

Zur Rauchlust. 

Ein 42jähriger Ingenieur machte mir folgende Angaben : „Mit 18, 19 
Jahren mußte ich schon vor dem Frühstückkaffee meine Zigarre rauchen. Ich 
habe leidenschaftlich den ganzen Tag geraucht bis vor 2 Monaten, da ich 
auf Ihr Anraten den regelmäßigen Geschlechtsverkehr aufnahm und, da ich 
all die Jahre über in dieser Beziehung ausgehungert war, des Guten vielleicht 
sogar zuviel tat. Welch ein merkwürdiger Wandel? Ich und eine Zigarre 
waren von frühester Zeit ab unzertrennliche Begriffe. Jetzt rauche ich gar 
nicht und es geht auch. Daß man sich etwas Derartiges abgewöhnen kann!" 
— „Vermutlich weil Sie sich jetzt sexuell vollkommen ausleben. Sie brauchen 

2 ) Ich meine natürlich nicht die philosophischen Ansichten, welche auch den 
Sexaalbetrieb vom Selbsterhaltungstriebe ableiten. Das mag ja in einer gowlsssn Hin- 
sicht stimmen ; wir dürfen den Sexualtrieb als Derivat des Selbsterhaltungstriebes an- 
sehen, dieses schließt aber nicht aus, daß gerade der Sexualtrieb sich in verschiedenen 
seelischen Regungen und Handlungen des Kindes kund gibt und nicht ein anderer 
Teil des Selbsterhaltungstriebes. 



Dr. J. Sadger: Kleine Mitteilungen a. d. psychoan. Praxis. 49 

jetzt weder Zigarre noch Süßigkeiten, die Sie früher liebten, weil Sie jetzt 
direkt verkehren." — „Anderseits denke ich mit Wehmut an die frühere Zeit 
zurück. Verdanke ich der Zigarre doch sehr angenehme Momente. Wenn ich 
mir nach dem Essen eine Zigarre anzündete, lag eine gewisse Befriedigung 
darin. Dieses Dankbarkeitsgefühl habe ich mir bis zum heutigen Tage bewahrt. 
Selbst zur Stunde denke ich nicht mit Ekel an jene Zeit zurück. Ich weiß, 
ich danke dem Narkotikum glückliche Stunden. Beim Studieren hat es mir 
gehollen, in Momenten der Wut, des Zornes, der Aufregung hat es mich be- 
sänftigt, nach dem Essen trug es zur Verdauung bei. Wenn ich da meine 
Pfeile rauchte, schlief ich sogar ein dabei: Wie ein Kind, muß ich denken, 
das an der Mutterbrust sich satt getrunken hat und dann ein- 
schläft." — „Das ist wohl eine typische Sexualsymbolik für Zigarre und 
Pfeife : die Brustwarze im Munde des Kindes. Vielleicht ist auch ebenso ihre 
Vorliebe zu erklären, von der Sie mir erzählten, stets eine ganze Gurke in 
den Mund zu stecken und abzubeißen, statt sie zu zerschneiden." — „Ich habe 
schon mit 10 — 12 Jahren das Bedürfnis gehabt, nach Tisch zu liegen und 
zu schlafen, aber es gelang mir nicht immer, ich weiß nicht warum. Ich 
wälzte mich von einer Seite zur andern und hatte einen roten Kopf, aber 
es war nicht mehr wie ein Dusel, bei dem man sich der Vorgänge der Außen- 
welt bewußt bleibt. Manchmal aber schlief ich gründlich ein und, wenn ich 
dann erwachte, sagte die Mutter: ,Du hast aber jetzt was zusammenge- 
schnarcht, mit offenem Munde !' Das Letztere bestritt ich, weil ich bei Tag 
immer bemüht, war, schon von frühester Kindheit ab, den Mund aus hygieni- 
schen Gründen geschlossen zu halten. Ich war immer der Ansicht, Kinder 
mit offenem Mund machten einen kretinhaften Eindruck. Wenn ich geschlafen 
hatte, fühlte ich mich beim Erwachen wie neugeboren und frisch. Ich hätte 
die Welt aus den Angela heben können. Vielleicht kamen mir damals schon 
unbewußt sexuelle Träume, die mich am Schlafen hinderten, aber bewußt 
weiß ich nichts. Gedacht werde ich ja gelegentlich an sexuelle Dinge haben, 
aber als Regel will ich das nicht hinstellen." — „Ob sie im Schlafe nicht 
den Mund aus infantilen Erinnerungen an die mütterliche Brustwarze öff- 
neten?" — „Möglich". 

Noch komplizierter ist die Symbolik des Rauchens in dem zweiten 
Falle. Es betrifft einen 28jährigen, ausnehmend stark an seine Mutter 
fixierten Mann, der früher auch sehr starker Exhibitionist, Raucher und 
Trinker gewesen und wegen schwerer hysterischer Symptome in meine Be- 
handlung getreten war. Seine Aiigstzustände hatten ihn schließlich so weit 
gebracht, daß er gegen Alkohol und Tabak ganz intolerant wurde, was erst 
die fortschreitende Analyse beseitigte. Als er das erstemal wieder in einer 
Restauration zu trinken begann, stellt sich auch das masturbatorisch-exhibi- 
tionistische Gelüste ein, sein Membrum herauszunehmen und coram publico zu 
onanieren. Dazu fällt ihm ein, daß in dem Gasthaus, welches seine Mutter 
besaß, öfters' auch Betrunkene weilten, welche den Penis heraushängen ließen, 
was er als Kind wiederholt zu sehen Gelegenheit hatte. 

„Am Tage darauf bekam ich wieder Lust zu rauchen. Ich sah einen 
Mann, der eine Trabuko schmauchte, und kaufte mir auch eine. Die schmeckte 
mir vorzüglich, ich habe mich ordentlich mit ihr gefühlt. Da kam mir 
plötzlich Professor F. in den Sinn, in den ich einst verliebt war und der auch 
immer mit der Zigarre dort stand und sie so wohlgefällig rauchte. Aber die 
Herrlichkeit währte nicht lange, die Zigarre war plötzlich bitter und schmeckte 
mir nicht, so daß ich sie wegwarf. Als ich später beim Nachtmahl zwei 

Zeituchr. f. b*H. Psychoanalyse. IV/1. 4 



f,q Mitteilungen. 

Krügel Pilsner getrunken hatte, bekam ich Lust auf Zigaretten, die mir so 
gut mundeten, daß ich mich zurückhalten mußte, um nicht noch mein- als 
zwei zu rauchen. Ob die dicke Zigarre mir nicht darum plötzlich bitter vor- 
kam, weil sie ein dicker Penis, also der des Vaters war, während die dünne 
Zigarette meinen eigenen infantilen Penis vorstellte? Beim zweiten Bier fiel 
mir auch die Erklärung für meine vorgestrige Exhibitionslust ein : oin Betrun- 
kener tut vieles, was ein Nüchterner nicht wagen dürfte. Gestern bekam ich 
nur einmal eine ganz kleine Anwandlung von Exhibitionslust." — „Und mit 
Zigarren oder Zigaretten exhibitionieren Sie gleichfalls: Sie zeigen entweder 
Ihren kleinen infantilen oder ihren jetzigen großen Penis." — „Ei ja, ich 
erinnere mich, ich ging so hin und hielt so wohlgefällig die Zigarre 
in der Hand und hatte eine Freude, dall die Leute auf mich 
schauten. Wie es mir schmeckte, nachdem es mir so lange schlecht ge- 
gangen war ! " 

Vielleicht wirkte auch folgendes mit, daß mir die Zigarre plötzlich 
bitter vorkam. Als ich auf den Bahnhof hinaus kam, sah ich, ich müsse noch 
eine Weile warten. Da kam ein sehr hübsches Mädchen herein mit einem 
kleinen Buben. Mit jener begann ich zu kokettieren und da schmeckte mir 
auf einmal die Zigarre nicht mehr. Na ja, weil ich mir sagte : das ist ja der 
väterliche Penis, den ich ihr zeige, und gar nicht der meine. Ich kaufte mir 
auch einen Spitz, saß dort und rauchte und der kleine Bub starrte mich im- 
mer an, besonders, da er auf einmal sah, daß ich einen Spitz zur Zigarre 
habe, der sie länger macht." — „Sie haben also das Membrum durch den 
Spitz verlängert, sich dadurch gewissermaßen einen Überpenis geschaffen. u 
„Und mich damit vor dem sympathischen Mädel produziert. Ich suchte auch 
eine Anknüpfung, aber sie mochte nicht, Abends dachte ich, die Zigarre 
schmeckte mir nicht, aber Lust hatte ich doch zum Rauchen. So griff ich denn 
zu Zigaretten, aber merkwürdigerweise zu solchen mit Mundstück, welche ich 
sonst niemals rauche. Dabei erinnerte ich mich auch an den vorhin genannten 
Professor, der die Zigarette ganz weit in den Mund zu stecken und wie ein 
Kind den Zummel zu lutschen pflegte. Und daß ich ein Mundstück nahm, 
geschah vielleicht, damit ich die Zigarette tiefer in den Mund stecken und das 
Mundstück feucht machen könne, während ich bei gewöhnlichen Zigaretten 
trocken rauchen muß. Als ich gestern den Zigarettenrauch mit großem Ge- 
nuß einzog, kam mir spontan folgende Erinnerung. Seinerzeit, da ich den Zi- 
garettenrauch zu inhalieren begann, empfand ich dabei ganz bedeutende Lust- 
gefühle. Ich war wie berauscht und empfand in der Genitalgegend lebhafte 
Lustgefühle, sexuelle Aufregung, ich wurde schwach und sinnlich erregt. Nun 
trieb ich einen eigenen Kultus damit, indem ich das Inhalieren mit Mastur- 
bation verband, mich gewissermaßen mit der Zigarette in Stimmung ver- 
setzte. Sehr oft habe ich abends im Bette geraucht und danach onaniert. Ich 
freute mich immer darauf und war in die Memphiszigaretten, die mir solche 
Lust gewährten, förmlich verliebt. Eine weitere Beziehung wäre dann noch, 
daß auch die Mutter Zigaretten rauchte und ich sie also darin imitiorte, 
daß ich ferner das Rauchen wie die Masturbation heimlich betreiben mußte, 
weil beides verboten war. Auch die Mutter rauchte nur, wenn der Vater 
nicht da war, weil er sonst schimpfte. Noch etwas. In meiner Heimat betrieb 
ich das Rauchen mit Onanie an einem Flusse, wo, wie ich wußte, zwei be- 
kannte Mädchen badeten, die mir sehr gefielen. Beim Masturbieren stellte ich 
mir stets vor, wie diese sich auszogen und dann badeten, also eine weitere 
Kombination mit Exhibitions- und Schaulust. 



Dr. J. Sadger: Kleine Mitteilungen a. d. psychoan. Praxis. 5j 

Noch zwei weitere Umstände möchte ich anführen. Im August vorigen 
Jahres hatte ich eine Zeit, da mir die Zigaretten sehr gut schmeckten so 
gut wie seinerzeit. Ich drehte sie mir selber und das .Wuzeln' der Ziga- 
retten ist vielleicht wieder eine Symbolik der Onanie. Endlich erinnere ich 
mich, am Tage der Matura frühmorgens drei Virginia geraucht zu haben. 
Die Schulbuben zu Hause sagten immer, die Buzzeranten haben ein Glied so 
lang und dünn wie eine Virginia." 

Diesem Patienten sind also Zigarren und Zigaretten nicht bloß Sym- 
bole der mütterlichen Brustwarzen, sondern auch seines Membrums, sowohl 
des jetzigen als des aus der Kindheit, eine dicke Zigarre ferner auch ein Sym- 
bol des väterlichen Gliedes, die lange und dünne Virginia schließlich ein 
solches des Päderasten-Peuis. Außerdem empfindet er vom Einziehen des 
Tabakrauches noch ausgesprochen sexuelle Gefühle. Sehr bezeichnend ist weiters 
die Kombination von Einziehen des Rauches mit der Masturbation und den 
sie begleitenden exhibitionistischen und Voyeur - Phantasien. Das ,Wuzeln' 
der Zigarette endlich erscheint ihm direkt als ein Onanieakt. 

Zur Symbolik des Drachens oder Lindwurms. 

Einem meiner Kranken träumte folgendes: „Ich sehe eine Frau vor 
mir in der Haltung einer Statue oder Madonna, ihr zu Füßen, der Länge 
nach ausgestreckt, liegt eine Art Drachen oder Lindwurm, der für den Mo- 
ment jedoch auch die Form eines Weibes anzunehmen scheint. In einem an- 
deren Moment ist mir, als ob diese Madonna oder Minerva einen Schild in 
der Hand trüge, auf welchem dieser selbe Drache als Wappenfigur in Stein 
ausgehauen ist." 

Deutung, vom Patienten selber gegeben : „Die Frau, die ich sehe, ist meiuo 
Mutter. Daß sie mir als Madonna oder Minerva erscheint, geht wohl auf ihre 
gewünschte Jungfräulichkeit. Der Drache, welcher lang gestreckt zu ihren 
Füßen liegt, ist der Penis des Vaters. Daß er für Momente auch die Form 
eines Weibes anzunehmen scheint, stellt plastisch die Erfüllung des Vater- 
wortes dar: ,Die Mutter ist ein Drache!' Wenn endlich der Drache auf dem 
Schilde ausgehauen ist, so heißt das : der Drache = Penis des Vaters, steht 
als Schild zwischen mir und der Muttor, die kalt ist wie eine Statue." 

Symbolik im Geschäftsleben. 

Dem Besitzer eines großen Spitzen- und Vorhanggeschäftes verdanke ich 
folgende Mitteilung: „Der größte Teil meiner weiblichen Kunden nimmt von 
Vorhängen nur Muster mit länglichen Streifen, die durch das ganze Stück 
hindurchgehen. Man kanu in sie hineinreden, was man will, sie nehmen nur 
diese gestreiften Muster. Dann gibt es eine Minderzahl, welche wieder nur 
Quadrate oder ,KranzerP (Kreise) wählen, als ein Symbol der Vagina, wie 
die anderen die länglichen Streifen als ein Symbol des Penis. Größer ist die 
Zahl jener, die bloß getupfte Sachen nehmen. Unter Tupfen stelle ich mir 
vor entweder einen Penis oder das Zipferl der Brustwarze. Noch bezeichnen- 
der ist der Spitzeneinkauf. Die Spitzen müssen recht scharfe Zacken haben, 
ausgeprägte Zacken, also ausgeprägte Glieder. Man kauft gewöhnlich Gar- 
nituren, d.h. Einsatz und Spitze. Einsatz ist das weibliche, Spitze das männliche 
Genitale. Die Garnitur ist selbst ein Sexualsymbol, denn man nimmt gewöhnlich 
eine Spitze und einen Einsatz, aber ausschlaggebend ist immer die Spitze. 
Auffallend ist noch, daß die Frauen mit Vorliebe rote Vorhänge wählen, 

4* 



f>2 Mitteilungen. 

offenbar wegen der Menstruation. Vorhang ist ja etwas, das man vorhängt, 
das Hemd z. B. Suchen aber Männer Vorhänge aus, dann greifen sie gewöhn- 
lich zu grünen Vorhängen. Ich vermute, das ist Sperma-Farbe, weil die Farbe 
der Vorhänge auch nur etwas grünlich ist. Neun Zehntel meines Lagers ist 
rot. Mir ist das Kot ekelhaft. Oft kann ich den Frauenzimmern an ihren 
Einkäufen, den Mustern und den Farben, die sie suchen, ablesen, was für 
sexuelle Komponenten in ihnen stecken. 

Zum Schlüsse noch ein paar Kinderworte : 

Tod und Sterben für das Kind. 
Ein 10 '/Jähriger Junge, der innigst an seiner Mutter hängt, sagt zu 
dieser: Weißt du, Mama, ich möchte, du sollst sterben und sollst dann in 
zwei Teile geteilt sein. Der eine soll wieder lebendig werden und als meine 
Mama weiter leben, der andere soll tot bleiben, bis ich erwachsen biu, und 
dann erst lebendig weiden, damit ich ihn heiraten kann.* 

Was dem Kinde als höchster Liebesbeweis erscheint. 
Einem kleinen Mädchen wird das Märchen vom Schneewittchen erzählt 
und daß der Vater die Tochter sehr gern hatte. „Wie gern hat er sie 
gehabt?" war die Gegenfrage. „Hat er ihr das und das zu Liebe getan?" 
Alles wird bejaht. Endlich als letzten und höchsten Trumpf: „Ist er auch 
mit ihr auf den Abort gegangen?" Ähnlich berichtet mir ein 24jähriger Stu- 
dent in der Analyse: „Wenn ein Frauenzimmer so recht lieb mit mir ist, 
schwebt mir immer auf der Zunge: „Möchtest du mich aucli auf das Klosett 
mitnehmen, oder möchtest du mir dein Dingsda zeigen?" was ja offenbar auf 
meine Mutter zurückgeht." 

3. 

Über eine besondere Form von Zwangsphantasien. 

Von Dr. Viktor Tansk. 

Ich hatte zu wiederholten Malen Gelegenheit, eine besondere Art von 
Phantasien zu beobachten, die den Zwangscharakter tragen und von Zwangs- 
neurotikern sowie von solchen Personen, deren Charakter dein Zwangstypus 
zuzuzählen ist, produziert werden. Es treten bei diesen Menschen scheinbar ganz 
ohne äußeren Zusammenhang, isolierte Einfälle auf, die mit dem aktuellen 
Gedankengang nichts zu schaffen haben, weder zu seinen Prämissen noch zu 
seinen Konsequenzen gehören. Allen diesen Vorstellungen gemeinsam ist, nach 
meiner Erfahrung, daß sie einen Selbstvorwurf repräsentieren. Diese isolierten 
Einfälle bestehen meist nur aus belanglosen Worten, abgerissenen Stücken 
von Sätzen oder Melodien oder aus Überbleibseln geringfügiger Szenen oder 
aus Vorstellungen unbedeutender Gegenstände. Die Person entdeckt plötzlich, 
daß sie schon eine geraume Weile mit der immer wiederkehrenden Repro- 
duktion solcher Einfälle beschäftigt ist, daß die Einfälle, trotz dem Versuch 
sie zu unterdrücken, nach längerer oder kürzerer Zeit doch unversehens 
wieder auftauchen, und zwar stets wieder mit dem Charakter, als hätten sie, 
eho sie bemerkt wurden, schon eine Weile angedauert. Ihrem psychologischen 
Wesen nach sind derartige Einfälle Deckvorstellungen (Deckworte, Deck- 
melodien) im Sinne Freuds. Was sie für diese Erörterung auszeichnet, ist 



Dr. V. Tausk: Über eine besond. form von Zwangsphantasien. 53 

ihre Perseveration und die affektive Betonung des Komplexes, den sie repräsen- 
tieren. Hinter ihnen stehen oftmals Phantasien von der "Wiederherstellung 
einer Unterlassungssünde oder der Gutmachung eines begangenen Unrechts, 
oft aber führen sie zur einfachen Reminiszenz an eine Schuld. Zwei kleine 
Beispiele mögen beides illustrieren: 

Ein Herr bemerkte, daß ihm bei allen möglichen Gelegenheiten das 
Wort „Straßenecke" oder das Bild von einer bestimmten Straßenecke einfiel. 
Er konnte jedoch nicht angeben, daß er irgend ein bedeutendes Erlebnis gehabt 
habe, das sich an eine oder an diese bestimmte Straßenecke knüpfte. Die 
Analyse deckte auf, er habe vor einiger Zeit die Phantasie verdrängt, daß 
er plötzlich um jene Straßenecke biege und mit einer Person zusammenstoße, 
der er ein angesühntes Unrecht zugefügt hatte. Ein zweitesmal war es die 
Vorstellung „Erawattennadel", die später bei derselben Person so zwanghaft 
auftrat. Die Analyse ergab die Zugehörigkeit dieser Vorstellung zum selben 
Fall, der sich inzwischen zu einer Sühnephantasie ausgebildet hatte. Hinter 
dieser Vorstellung stand die Phantasie, daß der Herr die von ihm gekränkte 
Person an jener Straßenecke treffe und nun den Versuch mache, das Unrecht 
auszugleichen. In dieser phantasierten Situation sah er sich, wie er auf sein 
Gegenüber lebhaft einsprach und Entschuldigungen und Argumente für seine 
Handlungsweise vorbrachte. Dabei fixierte er immerwährend die Krawatten- 
nadel seines moralischen Gläubigers, offenbar weil er ihm nicht in die Augen 
schauen konnte. Diese Phantasie war verdrängt worden und mir die Vor- 
stellung von der Krawattennadel war von Zeit zu Zeit zwanghaft ins Be- 
wußtsein eingetreten als Mahnung daran, daß das geschehene Unrecht noch 
nicht gut gemacht sei. 

Diese isolierten Einfälle, für die es ungezählte Beispiele gibt, stellen sich 
also dar als abgerissene Stücke und Überbleibsel von komplexen Gedanken- 
gängen, deren Affektrest regelmäßig ein Selbstvorwurf ist. Besonders häufig 
finden sie sich bei Personen, die eine erhebliche Störung ihrer Stimmung er- 
leiden, wenn sie von ihren rationell begründeten und vernünftig argumentierten 
Eigenheiten der Lebensführung in den belangloseren Obliegenheiten des Alltags 
abweichen. Diese scheinbaren Pedanterien rächen sich, wenn sie vernachlässigt 
werden durch solche Zwangseinfälle, wodurch sie ihren Charakter als Zwangs- 
zeremoniell verraten. 



Kritiken und Referate. 

J. J. Putnam. Presidential Address betöre the American 
Psychopathological Association. May 1913. Journal of Ab- 
normal Psychologie. August. Vol. VIII. p, 168 — 179. 

Professor Putnam bietet in dieser sehr klaren und fesselnden Rede 
einen philosophischen Grundriß, auf welchen sich die im Streite befindlichen 
Schulen der Psychopathologie einigen können. Er sucht zuerst die Doktrin, 
daß die Relativität ein überall gültiges Prinzip sei, zu erschüttern. Sie kann 
als solches nur bis zu einem gewissen Punkte güllig sein, da sie nicht nur 
den Zufall, sondern auch Kausalität und Spontaneität (in dem Sinne, in 
welchem Putnam diese beiden Ausdrücke gebraucht, sind sie faktisch gleich- 
bedeutend mit selbsttätiger Energie) ausschließt. Die Existenz einer Absicht, 
selbst bei den am wenigsten entwickelten Lebewesen, welche nicht auf blinde 
äußere Kräfte zurückgeführt werden kann, beweist die Wirksamkeit der Selbst- 
tätigkeit, und da in den letzten Jahren bewiesen wurde, daß Mathematik ein 
Äquivalent der Logik sei, welche die reinste Form der Selbsttätigkeit ist (das 
Seelenleben entdeckt seine eigene Funktion), so ist auch die Mathematik, die 
"Wissenschaft der Wissenschaften, in Abhängigkeit von diesem Grundsatz. „Es 
muß im Laufe der Zeit dazu führen, daß die Anerkennung der selbsttätigen 
Energie als Toilfaktor in ihrer Anerkennung als der maßgebende Faktor für 
Menschenleben und Fortschritt endet, Freud wird durch seinen irrtümlichen 
Glauben an die Wissenschaft als höchste Instanz gehindert, dies zu sehen." 
„In seinem letzten interessanten Aufsatz über Animismus, Magie und All- 
macht der Gedanken schildert Freud in durchaus annehmbarer Weise den 
Fortschritt der freien selbsttätigen Menschenseele, wie sie ihre eigenen Vor- 
gänge kennen lernt und auf den Flügel bewußter Inneneinsicht immer höher 
und höher steigt, um schließlich alle diese Äußerungen von vitaler Energie 
dadurch zu verdammen, daß er behauptet, nur drei größere Denksysteme seien 
in der Welt vorhanden, das animistische, das religiöse und das wissenschaft- 
liche ; und daß von diesen dreien nur das wissenschaftliche System mit seiner 
Annahme (wenn man sie logisch zu Ende denkt) von allem, was das Auge 
blind und das Ohr taub und die Seele zu einem unempfindlichen und hilf- 
losen Brei macht, als Einziges dazu bestimmt ist, weiter zu loben." 

Von der Allmacht der Gedanken sprechend, erklärt Putnam, daß das 
Kind seine Fähigkeit, sich diese Auffassung anzueignen, aus derselben Quelle 
erhalte, aus welcher ihm die Vorstellungen vom Zeitraum und Kausalität zu- 
fließen, d. h. nicht infolge der Erfahrungen, sondern als Zuwachs seines 
Seelenlebens ; obgleich diese Vorstellung im Interesse des Kindes und ins- 
besondere in jenem des Zwangsneurotikers existiert, ist sie anwendbar nur 
auf den Zustand des „absoluten Wesens, nach dessen Eigenschaften alles 
menschliche Trachten geht". 



Kritiken und Referate. 55 

„Jungs Libido ist oder scheint zu sein, nicht bloß ein Sexualtrieb, das 
Erzeugnis der Erfahrung, sondern eine transzendentale Weltkraft, ein Grund- 
prinzip des Lebens. Wenn man ihren Namen ändert und ihre Wirksamkeit 
nur noch ein wenig ausdehnt, so haben wir Bergsons poussäe vitale 
vor uns, den Unterbegriff der Selbsttätigkeit." Ernest Jones. 

Stanley Hall. A Synthetic Genetic Study of Fear. Amer. Journ. 
of Psyckology. April and July 1914. 

Diese beiden 124 Seiten langen Aufsätze scheinen die Ansätze zu einer 
noch nicht zu Ende gediehenen Monographie zu sein, obgleich dies nicht aus- 
drücklich gesagt wird. Da jedoch seit dem Juli 1914 nichts Weiteres ver- 
öffentlicht wurde, so soll zunächst eine Inhaltsangabe dieser zwei Kapitel mit- 
geteilt werden, bei Aufschiebung der Kritik über die Gesamtleistung bis zu 
einer künftigen Gelegenheit. 

Das Thema wird mit den folgenden Sätzen eingeleitet : Angst ist die 
Vorwegnähme von Schmerz. Für jene Lebensformen, die der Angst fähig sind, 
ist diese Vorwegnahme nicht ein Vorhersehen, sondern bloß ein stark verallge- 
meinertes, mit Unlustcharakter verbundenes Vorgefühl, daß ein noch schmerz- 
hafterer Zustand droht. Der Wille zum Leben, der 6 lau vi tal wird mehr oder 
weniger in seiner Grundlage getroffen oder sein Wirkungskreis geschmälert, 
weil er eine Art Ankündigung erhält, daß er demnächst noch stärker gehemmt 
werden wird. Diese vorfühlende oder futuristische Stellungnahme oder Orien- 
tierung gegenüber einem verschlechterten Zustand ist dio besondere Qualität 
des psychischen Zustandes, den wir Angst nennen. Psychogenetisch aufgefaßt 
ist es eine primitive Anlage zur Zukuuftseinstcllung, u. zw. die am stärksten 
befeuernde und lebendigste ihrer Erscheinungsformen. In der Angst beherrscht 
die Zukunft die Gegenwart und gibt ihr eine neue Bedeutung zu der eigenen 
hinzu und ohne Angst könnte der Schmerz nur wenig von seinem großartigen 
Erziehungswerk in der Tierwelt vollbringen. Angst ist daher das Hauptbei- 
spiel psychischer Prolepsis sowohl, wie auch der Hauptansporn zu psychischer 
Evolution. . . Wenn die Angst nicht empfunden worden wäre, so hätte sie 
auch nicht vorweggenommen werden können, es ist also der der Angst vor- 
hergehende Zustand eine Art von Registrierung und in einem gewissen Grad 
ein Wiederaufleben dieser Erinnerungsspuren. So hängt die Angst mit der Ver- 
gangenheit nicht minder zusammen als, wie wir bereits gesehen haben, mit 
der Zukunft. . . Wenn Bergsons duree reelle oder seine Dauer oder Zeit 
getrennt von der Raumumfassung, die ihr der Intellekt zu geben strebt, 
irgend welche Existenz hat, so liegt sie in dem reinen psychischen Zustand 
der Angst. Wenn Lustschmerz das Resultat des ersten Tages schöpferischer 
psychischer Evolution darstellt, so ist Angst die Frucht des zweiten. . . . 
Wenn es ein Prinzip des Lebens gibt, so muß Angst einer seiner engsten 
Verbündeten sein, da es eine der ersten Sprungfedern des Seelenlebens ist. 
Wenn also irgend eine psychische Komponente kein bloßes Epipkänomen ist, 
sondern ein eigenes Sein hat, so ist es diese. Tatsächlich ist die Angst in 
hohem Maße dynamogenetisch und auch von hemmender Wirkung. . . Ohne 
die Kenntnis einer Gefahr wäre das Leben zahm, reizlos, asthenisch. Hall 
sieht eher in der Hoffnung als in der Begierde das Gegenstück der Angst : 
„Ob wir nun die Angst einen Instinkt, ein Gefühl, eine Leidenschaft oder eine 
Empfindung nennen, wir müssen der Hoffnung den gleichen Namen geben, 
denn eins ist die effektive Umkehrung und Ergänzung des anderen, ohne die 
es weder verstanden noch dargelegt werden kann, so daß eine ausgedehntere 



55 Kritiken und Referate. 

Kenntnis der Angst erst nach künftigen Untersuchungen über die Hoffnung zu 
gewinnen sein wird, die gleichzeitig das Licht des Lebens und die terra 
incognita der Psychologie ist." 

Wie in seinen anderen Schriften beschäftigt sich Hall liier insbeson- 
dere mit der genetischen und biologischen Seite des Problems. „Er sagt 
z. B.: Angst kann nur genetisch verstanden werden. Ihre Quellen und ihr 
physiologischer Ausdruck sind voll von den atavistischen Rudimenten, denn wir 
erben nicht so sehr die Wirkung bestimmter gefürchteter Objekte als die 
physische und psychische Diathese der Angst." Er geht auch wirklich dem- 
gemäß vor und untersucht zunächst ausführlich die geistige Entwicklung im 
allgemeinen, wobei er besonders die Frage nach dem primären Geisteselement 
behandelt. Nachdem er die Ansprüche, die Aufmerksamkeit, Empfindung, Aus- 
wahl und Gedächtnis auf diese Ehre erhoben, zurückgewiesen hat, entscheidet 
er zu Gunsten der Affektivität, die in Ausdrücken des Lustschmerzprinzips 
beschrieben wird. Hinsichtlich der Frage der Vererbung der Angst sagt er: 
„Die Angst-Diathesis ist einer der stärkst vererblichen Züge, während dies 
bei der Furcht vor bestimmten Objekten nur in geringem Grade der Fall ist." 
Jedoch wird zu Gunsten dieses Schlusses kein direktes Beweismaterial gelie- 
fert. Er kehrt zu dem Thema des Einflusses phylogenetischer Erfahrungen 
auf die Bestimmung einer gegenwärtigen Angst und ihrer Folgen zurück : 
„Wir fürchten nicht nur mit alledem, mit dem wir, sondern auch mit alle- 
dem, mit dem unsere Kasse gefürchtet hat." 

Dann folgt eine Darstellung von Adlers Hypothese der Kompensation 
der Organminderwertigkeit, die Hall für den „wichtigsten Schlüssel", sowohl 
der abnormen als der Normalpsychologie erklärt. „Freud irrt, wenn er diese 
am meisten genetische Form der Angst (Minderwertigkeitsgefühl) als im Se- 
xualen wurzelnd auffaßt; die von dorther verursachten Beunruhigungen sind 
nur eine spezifischere, wenn auch allgemein verbreitete und äußerst typische 
Äußerungsform. Sexualangst ist selbst bloß ein Symbol dieses tieferen Sin- 
nes der Herabsetzung des Willens zu leben, mächtig zu sein, in unserer 
eigenen Persönlichkeit alles Menschliche zusammenzufassen, sich zu sonnen im 
Glänze des humanistischen Totalitätsprinzips, nämlich ein Bürger aller Zeiten 
und Zuschauer aller Ereignisse zu sein." Er zeigt nirgends, daß er die psy- 
choanalytische Theorie der Angst erfaßt hat, da er sich mit ihr nur als Be- 
unruhigung wegen sexueller Dinge befaßt. Für ihn bedeutet neurotische Angst 
das Niederbrechen der Minderwertigkeits-Kompensation, den Mißorfolg bei dem 
Versuche „den Lebenswunsch der Selbst-Maximisierung zu erfüllen". „Das sum- 
mum genus der Angst ist ein Gefühl der Unfähigkeit mit dem Leben fertig 
zu werden, eine Furcht davor, zu unterliegen und in seinem Kampf nicht 
Sieger zu werden, ein Gefühl der Beschränkung und Minderwertigkeit in un- 
seren Fähigkeiten, den höchsten Erfolg und das Glück zu erreichen, eine 
Empfindung, daß unsere ererbte Anlage schon anfänglich ungenügend war 
oder in der Gefahr steht, vermindert zu werden." 

Es wird eine Aufzählung von 132 spezifischen Phobien gegeben, mit An- 
führung eines griechischen Namens, von Antlo- und Apeiro-Phobie bis zur 
Nelo- und Nephelo-Phobie (Angst vor Fluten, Unendlichkeit, Glas und Wolken), 
und daraufhin werden 10 wichtige Typen von Angst für die besonders ins 
einzelne gehende Erwägung ausgewählt. Jede von ihnen soll mit einigen 
Worten hier Erwähnung finden. 

1. Angst vor einer Erschütterung. Hall meint damit hauptsächlich ein 
psychisches Trauma, obgleich er die Gelegenheit benützt, um die Folgen einer 
physischen Erschütterung auf das Nervensystem (Aile's Experimente etc.) 



Kritiken und Referate. 57 

gleichfalls zu erörtern. Er gibt eine ausführliche Beschreibung der Symptome 
der Erschütterung, des Schreckens, des unerwartet Übcrfallenseins etc. und 
weist auf die Ambivalenz zwischen Furcht und Mut hin, die er vom biolo- 
gischen Standpunkt aus behandelt. Durch Furcht lernt der Mensch dem Unlnile 
auszuweichen und durch die Vorliebe für Gefahren erwirbt er eine bessere 
Bemeisterung der Naturkräfte. „Da sich das Leben nach der psychischen 
Seito hin entwickelt bat, geschieht die Bewachung des Lebens gegen alle 
großen und plötzlichen Verletzungen weniger durch die vegetative Kraft der 
Wiedergewinnung und mehr durch die zerebrale Funktion; die eine nahende 
Erschütterung voraussieht und ihr zuvorkommt. Statt der Fälligkeit, ver- 
letztes Gewebe oder selbst verlorene Gliedmaßen oder Sinnesorgane durch die 
vis reparatarix des Nachwachsens wiederherzustellen, verdanken die Men- 
schen, insbesondere jene die mit Verstand und Geist gut ausgestattet sind, 
ihr Weiterleben immer mehr der Schärfe ihrer Auffassung und der Voraus- 
sicht einer künftigen Schädigung, wodurch sie zu einer rechtzeitigen Flucht 
in stand gesetzt werden." Über die Wirkungen hochgradiger Erregung sagt er: 
„Die Vernunft scheut die Erregung stets und wird durch ihre Ausbrüche be- 
leidigt ; dies hat seinen guten Grund, denn sie bezeichnen die Einbruchsstellen 
der Rasse in das enge Leben des Einzelwesens. Wenn sie im Individuum oder 
in der Volksmenge aufrührerisch losbrechen, so können sie in einem Augen- 
blick Zerstörungen anrichten, die nicht wieder gut zu machen sind. Daher 
sind es eher unsere Erregungsmöglichkeiten, als, wie Kant meinte, das 
Sittengesetz, vor denen wir die äußerste Scheu empfinden. Ihre direkte oder 
indirekte Sublimierung ist so ziemlich die ganze Aufgabe der Kultur. In 
diesem Sinne ist die Angt vor dem eigenem Ich der Beginn der Weisheit. 
Jede übernatürliche Gestaltung oder Persönlichkeit ist die Schöpfung dieses 
Gefühls ; sie alle fürchten wir nur in zweiter Linie, denn die Furcht, in der 
sie alle wurzeln, ist die vor sich selbst." Wir müssen bei diesem Punkte an- 
merken, daß die Auffassung Halls von der Rolle, die ein psychisches Trauma 
in der Psychopathologie spielt, sowohl übertrieben als auch veraltet ist. Er 
sieht hier nur die statische Seite, in der Art von Morton Prince, und behan- 
delt die Wirkungen etwa wie die eines Schlages auf ein nicht rückwirkendes 
Material. „Die Anhänger Freuds denken, die Erschütterung sei die einzige 
Ursache der Hysterie ( ! ). Die moderne Psychiatrie beginnt der Erschüt- 
terung die Hauptrolle bei fast allen Psychosen und Neurosen zuzuschreiben. 
Nach dieser Auffassung kann ein intensives, plötzliches, schmerzhaftes Erleben, 
besonders wenn seine Bedeutung dunkel gefühlt, aber nicht verstanden wird, 
lange und heimlich fortexistieren, ohne vom Zentralbewußtsein assimiliert zu 
werden oder in ihm aufzugehen, fast als wäre es ein Fremdkörper in dem 
psychischen System. Ein solches Erlebnis kann der Nucleus eines Komplexes 
werden, der, ohne daß er erkannt wird, sich zum dominierenden Faktor im 
Leben seines Opfers auswächst und eine parasitische oder sekundäre Persön- 
lichkeit bildet. . . Ein Kind, das einen Sexualakt sieht, ein Mädchen, dessen 
verehrter und mit ihrem vollen Vertrauen beschenkter Liebhaber plötzlich 
unsittliche Annäherungsversuche macht ; selbst die plötzliche, aber zu spät er- 
langte Kenntnis, woher die Kinder kommen, wenn sio in roher Weise mit- 
geteilt wird, dies sind Beispiele für die von der Schule Freuds hervorge- 
hobenen Erschütterungen, deren Folgen sich entweder sogleich oder auch viel 
später als Zwangsvorstellungen, Komplexe, motorische oder Verdanungs- oder 
anderweitige Symptome äußern." 

2. Pavor nocturnus. Hier setzt eine Erörterung über den Schlaf ein, 
wobei Hall auf die regressive Natur desselben (auf ein niedrigeres pbylo- 



58 Kritiken und Referate. 

genetisches Niveau herab) Gewicht legt. Er verbindet den Pavor selbst mit 
den nächtlichen Gefahren, denen unsere vermenschlichen Ahnen ausgesetzt 
waren und den damit verbundenen Schreckeinpfinduugen. Er bedauert, daß 
die Ärzte über das Thema keine psychologischen Untersuchungen angestellt 
haben. 

3. Geotaxia-he Angst. Unter diesem Titel faßt Hall, ohne klare Unter- 
scheidungen zwischen ihnen zu machen, die Angst vor Höben, Astasia-Abasie, 
Interesse am Klettern, an schneller Bewegung und am Auf- und Abgeschüt- 
teltwerden zusammen. Er findet, daß die Angst in Beziehung zu einer Höhe 
bei Kindern bemerkenswert verbreitet ist, daß sie meist später wiederum ver- 
schwindet und im Alter nach dreißig selten ist, und daß sie dreimal so stark 
verbreitet unter Mädchen als unter Knaben ist. Er betont das große positive 
Vergnügen, das die meisten Kinder beim Klettern empfinden, dann beim boch 
oben sein und hin und her geschwungen oder gestoßen werden. Das Gefühl 
des Fliegens wird im selben Zusammenhang erörtert. Als phylogenetische 
Quellen zieht er das Baumzeitalter in der Vormenschheit für diese Phänomene 
heran, für andere greift er noch weiter zurück bis zum "Wasser - (Fisch) 
dasein. „Hie Tatsache scheint darauf hinzuweisen, daß der Schwindel von den 
Sensationen des Fallens zu sondern ist ; sie sind später, weil jenes Spuren des 
Wasserdaseins, diese des Lebens auf den Bäumen enthalten. Selbstverständ- 
lich wird die ältere von diesen Erfahrungen bis zu einem gewissen Ausmaß 
im fötalen Zustand reproduziert, wo ein nahezu gleichmäßiger Druck von 
Flüssigkeiten auf allen Seiten vorhanden ist ; auf diesen embryonalen Zustand 
haben Psychoanalytiker (Ferenczi und andere) in letzter Zeit zurückge- 
griffen. " Er gibt einige sehr aufklärende Erläuterungen über die Wiederkehr 
in umgekehrter Reihenfolge, mit der sich bei der Astasia-Abasie genau die Ord- 
nung spiegelt, in welcher das Kind gehen lernt; er beschreibt dieses Sym- 
ptom als. „Verlernen zu gehen und zu stehen". Kerner „die Bemühungen bei 
der Fortbewegung, wie sie Patienten mit Abasie-Phobie zeigen, mit ihrem 
Hinken und Humpeln, Bewegen der Arme, krampfhaftem lländefassen, 
beginnendem Niederfallen und Zurückreißen, dein ängstlichen Vorausblicken 
nach den nächsten Schritten, der Wahl eines Zieles und dem Zustolpern auf 
dasselbe und besonders dem Impuls, sich an allem, was sie stützen kann, auf 
ihrem Wege festzuhalten, erinnern sehr stark an das Baumleben. Dasselbe 
gilt von den Symptomen der Agoraphobie". 

4. Angst die horizontale Orientierung zu verlieren. Die Notwendigkeit 
der Orientierung, die Verwechslung von rechts und links, der Zwang genau 
die Punkte nach dem Kompaß zu bestimmen, die Angst, sich verirrt zu haben 
und sogar die Nostalgie samt anderen damit zusammenhängenden Befürchtun- 
gen werden mit dem primitiven Schrecken vor dem Verirren, der aus dem 
Waldleben vormenschlicher Zeiten stammt, in Beziehung gebracht. 

5. Angst vor Beengung. Die Erörterung greift viel weiter aus als bis 
zur Erstickungsangsl u. dgl. und es werden viele interessante Tatsachen be- 
richtet, wie z. B. der Fall einer Frau, die nur einen lose sitzenden Ring 
tragen kann und einen Angstanfall bekommt, wenn er beim Abnehmen im 
mindesten stecken bleibt; Sally Prudhomme fand es bedrückend, auf einer 
begrenzten Kugel zu leben und wünschte, die Welt wäre flach und im Zu- 
sammenhang mit dem Himmel und den Sternen. Hall setzt die Agoraphobie 
mit dem vormenschlichen Bedürfnis sich aus Sicherheitsgründen in der Nähe 
von Bäumen aufzuhalten, in Verbindung und die Claustrophobie mit den Ge- 
fahren des Höhlenlebens in den folgenden Epochen. Er ist der Ansicht, 



Kritiken und Referate. 59 

daß manches sublimierte Interesse, z. B. die Leidenschaft für Freiheit und 
der Haß gegen tyrannische Fesseln, aus dieser Gruppe von Angsttypen ent- 
springen und sagt z. B. vom Schwindel „es ist die genetische Basis des den 
Menschen beherrschenden Strebens, seinen eigenen Platz im Universum zu 
finden, sich selbst und die Welt zu erkennen, ein System der Theorie sowohl 
wie des tatsächlichen Verhaltens zu entwickeln, das ihn in staud setzt, seinen 
Platz in der Natur auszufüllen." 

6. Furcht vor Stöcken, Wurfgeschossen, Spitzen, Ecken und Faden. 
Alle diese hängen mit der großen Bedeutung zusammen, die diesen Dingen 
in dem frühesten Entwicklungsstadium der Menschheit in Beziehung auf An- 
griff und Gefahr zukommt. Die folgende allgemeine Bemerkung ist von In- 
teresse: „Wenn die Phobien so die Überbleibsel und das Wiederaufleben der 
Spuren sind, die von den bedeutsamsten Punkten einer langen Erfahrung un- 
serer Ahnen in uns erhalten blieben, so können wir die einen ohne die anderen 
nicht verstehen und können manchmal von beiden Seiten her folgen. Wir 
können aus starken und im Individuum nicht entsprechend motivierten Im- 
pulsen etwas von den Erlebnissen, durch die unser Geschlecht durchgegangen 
ist, erschließen. Umgekehrt können wir dort, wo die letzteren bekannt sind, 
mit Zuversicht erwarten, ja sogar voraussagen, daß sich Ausläufer davon in 
Gestalt ähnlicher Phänomen in der Kindheit und bei Neurotikern finden 
werden". Keine sexuelleAssoziation wird bei irgend einem dieser Phänomen erwähnt, 
außer bei dem Fall des Stechens mit einer Spitze, und auch hier bloß, um 
mit den Worten abgetan zu werden: „Die Tatsache, daß sehr viele Kinder 
längst vor der Pubertät (!) Angst vor spitzigen Gegenständen zeigen und die 
Tatsache, daß das bedeutsamste Leid, das dem Menschen in seiuer Geschichte 
zugefügt wurde, von nicht sexuellen Stechen herrührte, zeigen die Grenzen 
dieser Deutung." 

7. Furcht vor Schlangen. Diese Furcht ist bei Mädchen viel häufiger. 
Sie wird ebenso wie die zahlreichen Mythen von der Bezwingung von Drachen 
und Schlangen auf die großen Gefahren zurückgeführt, die unseren Vorfahren 
im vormenschlichen, insbesonders im Baumzeitalter von den Schlangen drohten. 
Der Sexualität wird in diesem Zusammenhang nicht einmal Erwähnung getan. 

8. Furcht vor Katzen. Die am stärksten hervortretenden Elemente sind 
darin das unhörbare Wesen des Tieres, seine Fähigkeit zu großen Sprüngen, 
seine nächtliche Lebensweise und die Furcht vor Krallen und Zähnen. Viele 
interessante Beispiele werden berichtet. Hall glaubt nicht, daß die Phobie 
durch persönliche unangenehme Ereignisse erklärt werden kann und zieht zur 
Erläuterung die Tatsache hervor, daß das Katzengeschlecht in Vorzeiten der 
mächtigste Feind des Menschen war. „Der Ailurophobe kämpft mehr gegen 
ererbte, als gegen erworbene Furcht, denn in ihm erwacht zum Teil die alte 
Angst vor großen Katzen zu neuem Leben ; da ihm die Psychoanalyse seiner 
selbst mangelt, deutet er sie falsch als Angst vor Hauskatzen." Es ist kaum 
einzusehen, wie die Psychoanalyse ihm dies enthüllen sollte, selbst wenn es 
sich wirklich so verhielte ; außerdem erklärt diese Theorie das viel häufigere 
Vorkommen der Ailurophobie nicht. 

9. Ereuthophobie und Verwandtes. Die meisten schwereren Fälle finden 
sich beim Menschen. Eine lange Erörterung über Erröten, insbesondere in 
seiner Beziehung zur Empfindlichkeit des Menschen in Beziehung auf die An- 
schauung seiner Mitmenschen, sind daran geknüpft. Dies ist der einzige Fall 
einer Angst, bei dem es Hall notwendig findet, die Möglichkeit des sexuellen 
Ursprunges zu erörtern und die oberflächlichen Argumente, mit denen er sich 






60 



Kritiken und Referate. 



begnügt, sind für seine ganze Einstellung charakteristisch : „Einige meinen, 
daß sich das Erröten einst über die ganze Körperoberfläche ausgedehnt habe 
und ein Überbleibsel eines allgemeinen Sexualercthismus sei, das von seinem 
Ursprung fortgezogen ist ; warum ist aber dann das Erröten für viele so un- 
angenehm?" Die beiden anderen Argumente lauten, daß „Angehörige beider 
Geschlechter vor dem eigenen Geschlecht erröten können" und daß die 
„Sexualtheoretiker darüber nicht einig sind, ob das sexuelle Erröten Furcht 
oder Begierde bedeute". Es ist merkwürdig, daß jemand, der die psychoanalytische 
Literatur auch nur ein wenig kennen gelernt hat, die klar zu Tage liegende 
Antwort auf solche Fragen nicht finden kann. Halls eigene Anschauung ist 
die folgende : „Der wichtigste Wunsch des Menschen ist Ansehen, Ruhm und sich 
ganz allgemein in seinem menschlichen Milieu zum Größten zu machen ; seine ärgste 
Furcht ist vor der Schande, der sozialen Ausstoßung und dem allgemeinen 
Haß. Das Erröten ist ein Faktor zweier variabeln Grüßen, nämlich einerseits 
des Grades von Schärfe, den das Bewußtsein von Dingen, die verheimlicht 
werden müssen, erreicht und zweitens eines Gefühles, daß sie verraten wor- 
den sind." 

10. Pathophobie. Hall beginnt mit der Ernährungspathophobie, der der 
grüßte Teil des Abschnittes gewidmet ist. Beim Auswerfen der Frage, wieso 
es möglich ist, daß neuropathische Störungen den organischen so täuschend 
ähnlich sehen, z. B. pylorische Stenosis, erklärt er, dies sei die Folge davon, 
daß unsere Vorfahren dieselben Störungen durchgemacht hätten. Er erörtert 
die Gefahr des Dazwischentretens des Bewußtseins bei der Ausführung auto- 
matischer und instinktiver Körpervorgänge. „Durch den von der Psychoanalyse 
gelieferten Nachweis, daß dieser Prozeß des Bcwußtmachens oftmals vor Beginn 
der Neuerziehung notwendig und wirksam ist, wird nochmals die bedeutungs- 
volle Schlußfolgerung nahegelegt, daß das Bewußtsein selbst eine sehr wesent- 
liche therapeutische und wiederherstellende Kraft besitzt, deren Ausmaß man 
in dieser Richtung infolge einer falschen Auflassung nicht vermutet hat. Aber 
wir dürfen nicht vergessen, daß das Bewußtsein auch Gefahren im Gefolge hat, 
die bisher unbekannt geblieben sind, denn es hat die seltsame Fähigkeit, fast 
jede organische, motorische oder sensorische Aktivität zu hemmen oder zu 
hypnotisieren. Daher gibt es stets einen Widerstand, der von der Furcht vor 
dem Hinabsteigen unter die Schwelle, um das Unbewußte zu erkunden, erzeugt 
wird und dieser Widerstand hat zahlreiche Äußerungsformen, von dein Instinkt, 
der die Kranken veranlaßt, ihren Ärzten gegenüber zurückhaltend zu sein, 
bis zur Weigerung vieler Psychologen auch nur das Dasein unbewußter psy- 
chischer Prozesse zuzugeben. " Hall übersieht hier die Unterscheidung zwischen 
vollbewußten und vorbewußten Aktivitäten ; in dem letztgenannten Stadium 
beläßt die Psychoanalyse die meisten körperlichen Funktionen, vom Atmen 
bis zum Gehen, die während der klinischen Analyse das Objekt bewußter 
Aufmerksamkeit gewesen sein mögen. 

Die drei wichtigsten Züge in Halls bedeutsamer Arbeit sind zusammen- 
gefaßt die folgenden: 1. Seine Betonung der phylogenetischen Auffassung der 
klinischen Phobien und ihrer Beziehung zu spezifischen Predispositionen. 2. Die 
große Menge von Material, insbesondere von Kinderbeobachtungen, über die 
er verfügt. 3. Sein Widerspruch gegen die Annahme, daß die Sexualität in 
der Genese einer einzigen Phobie oder der Angst im allgemeinen eine Rolle 
spielen könnte. Ernest Jones. 



Stanley Hall. The Freudican Methods applied to Anger. 
Journ. of Psychology. July 1915. 



Am er. 



Kritiken und Referate. Q± 

Dieser Vortrag wurde im Mai bei einer Versammlung der American 
Psychopathological Association gehalten. Er zielt darauf, ob die von Freud 
entdeckten Mechanismen auch bei anderen Vorgängen, als den sexuellen, 
statthaben z. B. beim Zorn. Hall erklärt, daß er sich vergeblich bemüht 
habe, Normalpsychologen für die Psychoanalyse zu interessieren, und er scheint 
für den von diesen angegebenen Grund Sympathie zu fühlen, nämlich, daß 
„derlei Patienten und ihre Ärzte in gleichem Maße durch Erotik vergiftet 
sind, und die Psychologie Freuds sich nur auf perverse, erotomanische und 
andere abnorme Fälle anwenden läßt. All diese Abneigung auf soziale und 
ethische Verdrängung zurückzuführen, ist seicht, denn die wirklichen Ursachen 
sind sowohl mannigfaltiger als tiefer. Sie sind der Teil eines komplizierten Pro- 
testes der Normalität, der sich überall und selbst in den "Widerständen der 
Analysierten findet; er ist in Wirklichkeit ein grundlegender Faktor unserer 
Selbstbeherrschung, von deren vielfachen Vorteilen uns Freud nichts sagt. 
Tatsächlich gibt es in der Menschenseele noch andere Kräfte als die Sexua- 
lität und ihre Verzweigungen. Hunger ist trotz Jung, Furcht trotz Sadger 
und Zorn trotz Freud ebenso primär, ursprünglich und unabhängig wie der 
Geschlechtstrieb, und wir verleugnen Tatsachen und psychische Erfahrung, 
wenn wir sie alle von der Sexualität ableiten u . 

Die Analogien, die er im Falle des Zornes erblickt, sind die folgenden : 
1. Zoru ist die am meisten dynamogenetische von allen Gefühlsregungen. 
Ferner „wenige, wenn überhaupt irgend welche, menschliche Triebe, gewiß nicht 
die Sexualität, haben eine intensivere, länger dauernde oder mannigfaltigere 
Verdrängung erlitten." 2. Zorn läßt zahlreiche Formen der Verschiebung zu. 
3. Er hat zahllose Formen der Sublimierung. 4. Er hat seine Träume und 
Träumereien. „So gespenstisch und dramatisch sind diese Szenen oft, daß wir 
für das Seelenleben mancher Individuen Zorn und Haß als hauptsächliche 
Quellen der Einbildungskraft anerkennen müssen. " 

Mitten in dem Vortrag steht ein anscheinend nebensächlicher Satz, in 
welchem ausgesprochen wird, daß „der Ichtrieb grundlegend und das innigste 
und das Meiste umschließende aller Motive jenes ist, sich vor anderen aus- 
zuzeichnen, nicht bloß am Leben zu bleiben, sondern einen größeren Platz an 
der Sonne zu gewinnen." Vielleicht ist hiemit die einführende Bemerkung in 
Parallele zu stellen, in welcher Hall gegen Freuds „äußerst unpolitische 
und fast beschimpfende Verurteilung" Adlers protestiert. 

Ernest Jones. 

Stanley Hall. Thanatophobia and Immortality. Amer. Journal of 
Psychology. Oktober 1915. 

Dieser 63 Seiten zählende Aufsatz befaßt sich mit der Furcht vor dem 
Tode und dem Glauben an ein künftiges Leben. Das erste Thema wird nicht 
so sehr als Phobie im engeren Sinne behandelt, als im Sinne einer Furcht 
bei normalen Menschen. Ein großer Teil der Arbeit, der sich mehr mit ethi- 
schen und philosophischen Erwägungen befaßt, ist ohne direktes psychoanaly- 
tisches Interesse, obgleich es in jedem Falle für uns wertvoll bleibt, auf das 
ausgedehnte Material, das darin sowohl für Pädagogik als auch für Folklore 
enthalten ist, Bedacht zu nehmen. 

Hall weist zunächst darauf hin, wieviel die Psychologie des Todes mit 
jener der Liebe gemeinsam hat, besonders von dem neuen psychogenetischen 
Standpunkt aus. „Es gibt eine Auffassung, nach welcher jede Angst und 
Phobie im Grunde Furcht vor dem Tod oder dem Nachlassen oder dem Still- 



62 



Kritiken und Referate. 



stand der Lebenskraft ist, und ebenso eine Auffassung, nach der jede 
Sehnsucht, jeder Trieb der Befriedigung des Liebesbedürfnisses gelten. Das 
eine ist die große Verneinung, das andere die höchste Bejahung unseres Wil- 
lens zum Leben." „Der wahre Sinn des Todes wird nicht vor der Geschlechts- 
reife verstanden, aber sowohl Tod wie Liebe zeigen bruchstückweise und mei- 
stens zunächst nur automatische Ausläufer von der frühen Kindheit an." Nach 
etwa 525 eingelaufenen Antworten scheint es, daß der erste Eindruck des 
Todes am häufigsten die Wahrnehmung der Kälte bei der Berührung eines 
toten Anverwandten ist; die Reaktion besteht gewöhnlich in einem nervösen 
Auffahren infolge des Kontrastes mit der Wärme, an welche das Kind beim 
Kontakt gewohnt ist. In zweiter Linie steht die Unbeweglichkeit und die 
Tatsache der verlängerten Abwesenheit. Die Zutaten des Todes, nebensäch- 
liche Ereignisse im Zusammenhang mit dem Sarg und dem Leichenbegängnis 
und dergleichen eignen sich besonders dazu, dem Gedächtnis eingeprägt zu bleiben. 
Es wird angemerkt, wie oft die Kinder über einen Todesfall Freude emp- 
finden, besonders in bezug auf die Vorteile, die ihnen daraus erwachsen, vor 
allem, wenn sie sich an die Stelle der verstorbenen Person, Vater oder Mutter 
setzen. „Selbst im höchst entwickelten Gefühlsleben ist dies nur eine Frage des 
Überwiegens, denn wenn unsere Analyse nicht irrt, hat es niemals einen 
Tod, nicht einmal den eines Geliebten gegeben, der dem Überlebenden nicht 
eine gewisse Freude bereitet hat, mag diese Komponente auch vom Schmerz 
völlig verschlungen worden sein." Es ist schade, daß Hall von diesem Fund 
keinen weiteren Gebrauch macht, sondern ihn bloß im Vorbeigehen notiert; 
er scheint zu übersehen, wie\iel daraus für manche von ihm aufgeworfenen 
Probleme zu gewinnen wäre. Basselbe gilt für seine zeitweilige Erkenntnis 
des Unglaubens an die Möglichkeit des eigenes Todes, welche er nichtsdesto- 
weniger klar ausspricht: ?; Der Tod ist in erster Linie ein Verneinen und 
Wegnehmen ; wie die Natur ein Vakuum nicht duldet, so schreckt die Seele 
schon vor der Vorstellung der Vernichtung zurück." 

Hall scheint, der fortwährenden Wiederholung nach zu urteilen, auf die 
„ekelerregenden" Vorstellungen, die mit dem Tode zusammenhängen (Verwe- 
sung), als mitbestimmend für unsere Einstellung, großes Gewicht zu legen. 
Obgleich er hieraus nicht ausdrücklich irgend eineu p.-ychoanalytischen Schluß 
zieht, läßt sich doch erkennen, daß ein bestimmter Zusammenhang seinem 
Gedankengang naheliegt. „Die Thanatophore des Stammes und der abscheu- 
liche Eindruck, den das Aas ausübt, haben die Türen des Grabes wirksam 
verschlossen gehalten, so daß wir weit mehr vom Exkrement als dem verwe- 
senden menschlichen Leib erfahren." „Daß die Nekrophilie ihre Keime in 
infantilen Erfahrungen hat, ganz ebenso wie dies bei der Analerotik der Fall 
ist, daran kann kaum ein Zweifel bestehen." „Wie kann ein Liebender, der 
heute sich an den Augen, den Mund und jedem Teil des Körpers seiner Ge- 
liebten andächtig entzückt, am nächsten Tag ihre Leiche betrachten, die dazu 
bestimmt ist, zu verfaulen und dabei eine Reihe von Zuständen durchzumachen, 
von denen jeder auf alle Sinne einwirkt? Um einen solchen Stoß zu mil- 
dern und die Psyche davor zu bewahren, daß sie unter ihm erliegt, haben 
sich alle diese ersetzenden, erleichternden und verteidigenden Mechanismen 
nach und nach entwickelt. Dir Wert liegt mehr in dem, wovor sie uns be- 
schützen, als in dem, was sie uns geben." „Ich bin davon überzeugt, daß 
eine Analyse der Bestattungsgebräuche es handgreiflich machen würde, daß 
viele, vielleicht die meisten Arten der Verfügung über die Toten zum großen 
Teil durch den Trieb, die Gedanken an Fäulnis zu verdrängen oder abzulenken, 
hervorgerufen wurden und daß der Glaube an Wiederbeseelung und au ein 



Kritiken und Referate. gg 

anderes Daheim, obwohl er oft evident ist, viel weniger hervorragt, als die 
meisten Anthropologen, um nicht zu sagen alle Theologen, anzunehmen gewohnt 
waren." 

Er erwähnt nirgends Freuds Anschauung betreffs der Rolle, die 
Todeswiinsche gegen geliebte Personen bei der Entstehung des Glaubens an 
Tod und Auferstehung spielen, sondern beschränkt sich auf die konventionellen 
Erörterungen. „Eine der Hauptursachen, die deu Seelenglauben erst hervor- 
rief und dann den Menschen veranlaßte, sich mit solcher Hartnäckigkeit daran 
anzuklammern, bestand in der weit größeren Schwierigkeit, den Tod als völlige 
Vernichtung aufzufassen. Die Auflösung des Körpers kann nicht das gänzliche 
Ende sein. Etwas muß weiterleben, denn die Seele wie die Natur scheut 
ein Vakuum, und so müssen wir an Stelle des verschwundenen Körpers etwas 
postulieren. So entstand der Glauben an die Unsterblichkeit der Seele zum 
Teil als Kompensation, die von der autistischen Natur des Menschen ent- 
wickelt wurde, um für die Erkenntnis der Sterblichkeit des Leibes zu ent- 
schädigen." Ähnlich erörtert er im Zusammenhang mit der Gespensterfurcht 
die Scheu vor Vergeltung wegen der Vernachlässigung oder Verletzung von 
Pflichten, ohne den viel mächtigeren Faktor der bösen Wünsche aus dem 
Unbewußten zu erwähnen. 

Für jene, die an dem Thema Interesse haben, ist die Arbeit wegen 
des Materials, das sie umfaßt, gewiß lesenswert, aber es läßt sich nicht be- 
haupten, daß sie unseren Ideen darüber viel Originelles hinzufügt. 

Ernest Jones. 

Sylvia Blies. Der Ursprung des Lachens. Amor. Journal of Psycho- 
log}. April 1915. 

In einer Fußnote zu diesem Artikel sagt die Autoria : „Der Verfasser 
hat erfahren, daß die Beweisführung in dieser Arbeit in mancher Beziehung 
der von Freud in seiner Abhandlung über den Witz angewandten ähnlich ist. 
Ihre Untersuchung war von der des letzteren unabhängig. " Es ist trotzdem kaum 
wahrscheinlich, daß sie, wenn auch indirekt, von der weitausgebreiteten 
Kenntnis der Verdrängungstheorie Freuds ganz unbeeinflußt blieb. 

Mit einem Wort, nach der Theorie der Verfasserin ist das Lachen der 
Ausdruck der lustvollen Befreiung von verdrängten, unbewußten Gefühls- 
regungen. Ihre Beweisführung lautet folgendermaßen: „Im Laufe der mensch- 
lichen Entwicklung werden jene Instinkte, die dem Fortschritt der Zivilisa- 
tion feindlich sind, zwar theoretisch zu Eigenschaften und Handlungen umge- 
formt, die den sozialen und ethischen Vorschriften nicht so schroff wider- 
sprechen, aber diese Substitution bleibt tatsächlich weit entfernt von Voll- 
ständigkeit und Vollkommenheit. Der Mensch ist noch nicht vollständig ent- 
wickelt ; er ist einer zivilisierten Umgebung nur teilweise gewachsen, und ein 
Stück seiner Natur bleibt dahinter zurück auf einem primitiven, kulturfrem- 
den Niveau. Sein Wesen ist von Kindheit an ein ständiges Verzichten, Ver- 
drängen, Lauern, Verstecken und Selbstbewachen. Von der Mutter „Nein, 
nein" bis zu dem donnernden: „Du sollst nicht" von der Höhe des Sinai 
herab geht eine ununterbrochene Reihe von Instinktverzicht. Wir sind so sehr 
gewöhnt, dies als eine reine Wohltat zu betrachten, daß wir der die beglei- 
tende Schädlichkeit übersehen. Auch gefesselt ist die Natur nicht ganz in 
Ruhe. Trotz all der Äußeruugsmöglichkeiten, Umformungen und Ersetzungen, 
welche die physischen und geistigen Betätigungen zur Verfügung stellen, bleibt 
noch immer ein großer Rest von verdrängtem primären Instinkt, der einen 



64 Kritiken und Referate. 

gespannten und widerspruchsvollen Zustand des unbewußten Seelenlebens her- 
beiführt." „Lachen ist der Erfolg einer plötzlich aufgehobenen Verdrängung, 
das psychische Zeichen für unbewußte Befriedigung. Unser primitiver Mann 
sah vielleicht einen anderon das tun, was seinem Stamm und seinem erwa- 
chenden Gewissen als verworfen galt. Der Anblick hob die Stimmung auf, die 
durch seinen eigenen verdrängten Wunsch, dasselbe zu tun, verursacht worden 
war — und er lachte ; das Lachen entsprang aus seiner unbewußten Sym- 
pathie mit der reaktionären Tat." „Das Geheimnis des Lachens liegt in einer 
Rückkehr zur Natur ; Zivilisation und Kultur sind später Zusätze und wir leben 
in weitem Ausmaß unter künstlichen Bedingungen. Selbst der gemeine Men- 
schenverstand verlangt Anstrengung. Die Psychologie macht uns die Tatsache 
klar, daß unsere gegenwärtige intellektuelle Ausrüstung langsam und mühevoll 
erworben wurde und eine gewisse Anspannung ist unvermeidlich, um sich auf 
dieser Höhe zu erhalten. Diese Anspannung wird behoben durch den Unsinn 
und seine Darstellung in witzigen Erzählungen, auf der Bühne durch das Aus- 
weichen vor dem Konventionellen und die Durchbrechung der herrschenden 
Regel für Haltung und Moral. Das Lächeln beim Eintritt in einen hypnoti- 
schen Zustand wird durch einen Hinweis auf Jastrows Beschreibung des 
hypnotischen Bewußtseins als „einer Freilassung aus den beengenden Ein- 
flüssen der Furcht, Zögerung und der Ideale der Vernunft und des Auslandes" 
erklärt. Die Theorie wird durch eine Anzahl Beispiele erläutert und der Ar- 
tikel schließt mit den Worten: „Wenn wir die Funktion der das Lachen 
schaffenden Kräfte durchschauen, werden wir selbst den niedrigsten und rohe- 
sten Humor nicht leicht verdammen, denn als Ventil für die indirekte 
Äußerung unterdrückter Instinkte wirkt er vielleicht wohltätiger, als wir wissen." 

Ernest Jones. 

E. ß. Thompson. An Inquiry into some Questions connected 
with Imagery in Dreams. British Journ. of Psychol. October 1914. 

Dies ist eine von Freuds Traumdeutung angeregte Untersuchung 
einiger ausgewählter Traumprobleme. Es standen 190 Träume von fünf Indi- 
viduen zur Verfügung. Die Probleme waren die folgenden: 1. Kommt in den 
Träumen eine Vertauschung des Phantasieinhaltes vor, oder spielt der für das 
Wachleben eines Menschen charakteristische Phantasieinhalt auch in seinen 
Träumen die erste Rolle? Für die Vertauschung fand sich keinerlei Beweis. 
Thompson stellt ferner fest, daß zwischen den Phantasieinhalten im Traume 
und im Wachleben bei einer gegebenen Person eine bestimmte gegenseitige 
Beziehung besteht; dies widerspricht den Resultaten anderer Forscher, Cal- 
kins, Hacker, Weed usw., die gefunden haben, daß die visuellen Vor- 
stellungen in den Träumen regelmäßig überwiegen. 2. Besteht ein Verhältnis 
zwischen dem Phantasietypus und dem Grade, in welchem ein Traum dem 
Vergessen unterliegt? Thompson findet, daß der für das Wachloben 
charakteristische Phantasietypus, wo er sich im Traume zeigt, das stärkste 
Beharrungsvermögen äußert. (Die Beweisführung weist hier eine Lücke auf. 
denn der Verfasser benützte bei seinem Experiment nur Personen des visuellen 
Typ, weshalb die Kontrolle fehlt, Ref.) 3. Das Hauptmotiv des Traumes 
war stets in jener Form dargestellt, welche sowohl für die Phantasie des 
Wachlebens, wie für jene des Traumes am meisten charakteristisch war. Zur 
Feststellung des Hauptmotivs wurde nach Angabe des Autors die Psycho- 
analyse verwendet. 4. Sinnesreize während des Schlafes verursachen niemals 
den Traum, können aber in seine Struktur verwoben werden, u. zw. genau 
in der von Freud geschilderten Weise, nämlich so, daß sie im Sinne der 



Kritiken und Referate. gt 

Traumtendenz entstellt werden. 5. Verdichtungen kommen häufiger bei visuellen 
als bei auditorischen Phantasien vor und bei den letzteren öfter mit Worten 
als mit einzelnen Lauten. 6. Kritisches Denken und vernünftiges Erwägen 
kommen in Träumen manchmal vor und zeigen dann die ganze Klarheit und 
logische Zusammensetzung des Wachdenkens. Thompson gibt hieiur neue 
Beispiele, aber da er nur nach dem manifesten Trauminhalt urteilt, hat seine 
Schlußfolgerung kein Interesse. Ernest Jones. 

Myerson. Hysteria as a Weap on in Marital Conflicts. Journ. 
of Abnormal Psychology. April 1915. 

Die Patientin, eine ungebildete Frau von 38 Jahren, erlitt Anfälle von 
Ohnmacht, Erbrechen und Kopfschmerzen; eines Tages entwickelten sich 
plötzlich eine rechtseitige hysterische Hemiplegie und Hemianästhesie mit 
Aphonie. Die Symptome besserten sich infolge der Behandlung mit Suggestion 
und psychischer Nacherziehung ; bei der darauf folgenden Erforschung des 
Falles wurde die Entdeckung gemacht, daß die Erkrankung in unmittelbarer 
Beziehung zu ehelichen Streitigkeiten stand. Der Gatte war sehr zärtlich 
und liebevoll gegen seine Frau und gab ihr in jedem Punkte, wo sie es 
wünschte, nach, sobald sich ein Symptom ihres Leidens zeigte, mit Ausnahme 
eines wichtigen Gegenstandes, in welchem er sich ihr nicht fügen wollte. Die 
Lähmung folgte unmittelbar auf einen heftigen Streit über dieses Thema und 
wurde zum Teil durch die Tatsache beeinflußt, daß die Patientin kürzlich 
gegen ihren Willen eine alte Frau gepflegt hatte, die an Hemiplegie litt. 
Myerson gibt zu, daß die Erklärung die Verursachung der Hysterie nicht 
autdeckt, sondern bloß die Zwecke, zu deren Erreichung sie benützt wird, 
erläutert — als Waffe bei ehelichem Zwist, ähnlich wie die der normalen 
Frau zur "Verfügung stehende Tränenflut. Ernest Jones. 

E. D. Bond. Personality and Outcome in Two Hundred Con- 
secutive Cases. Amer. Journal oflnsanity. April 1913. P. 731 — 736. 

Zweihundert Fälle von Geisteskrankheit wurden in vier Gruppen klassi- 
fiziert, wobei die für die Bestimmung der Persönlichkeit hervorstechendsten 
Eigenschaften maßgebend waren. Die Fälle wurden dann durch mehrere Jahre 
verfolgt; die Gruppen, die offenbar nur eine grobe Aufstellung bedeuten, 
wurden die „soziale", „normale", „abnormale" und „verschlossene" benannt 
und in die mitgeteilte Reihenfolge gestellt. Aus den Schlußfolgerungen heben 
wir hervor, daß ^Dementia praecox sich scharf vom manisch-depressiven, alko- 
holischen und post-syphilitischen abhebt, wenn man die Persönlichkeiten der 
Kranken in Betracht zieht. Normale Persönlichkeit wurde bei 85 bis 93°/ 
dieser anderen Psychosen festgestellt, aber nur bei 29% der Fälle von De- 
mentia praecox. Verschlossene Persönlichkeit wurde bei weniger als 4°/ der 
übrigen Psychosen festgestellt, aber bei 50% der an Dementia praecox Er- 
krankten". Ernest Jones. 

W. D. Tait. The Effect of Psychophysical Attitudes on Me- 
mory. Journal of Abnormal Psychology. April 1913. Vol. VIII. P. 10 — 37. 
Der Autor benutzt den Ausdruck „psyckopkysiscb.es Verhalten", um 
alle bewußten Äußerungen und organischen Gefühle zu bezeichnen, aber auch 
„viele Reaktionen, welche nie ins Selbstbewußtsein eintreten, jedoch unzweifel- 
haft die wichtigsten sind und hier am stärksten hervorgehoben werden sollen". 
Er zählt ausführlich eine Anzahl von Experimenten auf, die unternommen 
wurden, um den Einfluß angenehmer oder unangenehmer Erregungszustände, 

ZeitschT. f. ftret). Psychoanalyse, IVI1. 5 



66 



Kritiken und Referate. 



sowie jenen der psychischen Erschütterungen auf das Gedächtnis festzustellen. 
In der einen Richtung wurde geforscht, indem man der Versuchsperson eine 
Reihe von Wörtern zurief, welche vorher in angenehme, unangenehme und 
gleichgültige eingeteilt worden waren. Beispiele der ersten Klasso sind „wahr- 
heitsliebend", „Einkommen" , „Blume", „Landhaus"; zur zweiten gehören: 
„Seufzer", „Niederlage", „Schädelknochen"; zur dritten „Kind", „Fähigkeit", 
„ Vetter" . Die individuellenVerschiedenbeiten werden gar nicht in Rechnung gestellt, 
sondern vom Experimentator einfach dekretiert, was angenehm oder unange- 
nehm sein muß ; wir erfahren nicht, welche Gründe er für die Annahme hat, 
daß die Vorstellungen „Wahrheitsliebe" oder „Einkommen" ausnahmslos an- 
genehm sind, oder jene „Kind" und „Vetter" gleichgültig. Die Untersuchung 
endete mit dem Resultat, daß angenehme Eindrücke besser erinnert werden, 
als unangenehme. Psychische Erschütterungen wurden erforscht durch Einfüh- 
rung von Störungen während des Experimentes (Pistolenschüsse u. dgl.), und 
es fand sich, daß sie die Erinnerung an die vorangehenden Worte mehr behin- 
derten, als an die darauffolgenden ; vorgreifende Amnesie müßte also häufiger 
sein als retrograde, während die klinische Erfahrung gerade das Gegenteil 
zeigt. Die Arbeit wurde im psychologischen Laboratorium der Harvard Uni- 
versität ausgeführt. 

Der Psychoanalytiker wird manchmal kritisiert, daß er von schlecht 
durchdachten und unvollständigen Tatsachen voreilige Schlüsse ziehe. Wenn 
er aber über den primitiven Geisteszustand nachdenkt, den die Durchführung 
solcher Experimente, denen zwei Jahre gewidmet wurden, zur Voraussetzung 
hat, und über die große Anzahl wesentlicher Faktoren, die mit der vollkom- 
mensten Unschuld übersehen wurden, dann kann er sich damit trösten, daß 
eine solche Kritik sich noch besser auf andere anwenden läßt. 

Ernest Jones. 

Trigant Burrow. Oha r acter and the Neuroses. The Psychoanalytic 
Review. Jan. 1914. Vol. I. P. 121. 

Diese Arbeit wurde bei der Jahresversammlung der „ American Psycho- 
Analytical Association" vorgetragen. (Siehe diese Zeitschrift, Bd. I, S. 619.) 
Sie ist im wesentlichen beschreibender Natur ; der neurotische Charakter wird 
ähnlich geschildert wie bei Adler, jedoch nicht in dessen Terminologie und 
unabhängig von seinen Arbeiten. 

Knight Dunlap. The Praginatic Advantage of Freudo- A naly sis. 
The Psychoanalytic Review. Jan. 1914. Vol. I. P. 149. 

Dieser Aufsatz, der bei der letzten Jahresversammlung der „American 
Psychological Association" vorgetragen wurde, setzt es sich zum Ziel, eine 
Erklärung des erfolgreichen therapeutischen Resultats der Psychoanalyse zu 
geben. Er stellt zuerst die „in höherem Maße wissenschaftlichen" Methoden, 
die Morton Prince bei seiner Untersuchung und Behandlung des in dieser 
Zeitschrift (Nov. 1913) veröffentlichten Falles einer Phobie zur Anwendung 
brachte, den „leichten und ins Auge fallenden Freudschen Deutungen" 
gegenüber. „Prince gab sich mit der leichtesten Lösung nicht zufrieden und 
führte eine tiefer schürfende Analyse durch ; . . . . diese Analyse nahm nur 
eine einzige Sitzung in Anspruch." Für jene, die den fraglichen Aufsatz von 
Prince gelesen haben, ist ein weiterer Kommentar überflüssig. 

Dunlap s Theorie über die psychoanalytischen Resultate ist die fol- 
gende : Der kausative Komplex, der die störenden emotionellen Reaktionen 



Kritiken und Referate. 



67 



hervorruft, wird nicht entdeckt, sondern ein infantiler Komplex erfunden und 
eine Assoziation zwischen diesem und dem Symptom durch monatelange und 
stetige Suggestion fälschlich erzeugt. Dies entzieht der alten Assoziation ihre 
Stärke, die nun untergeht, und daher kann ein solches Vorgehen faktisch 
nützlich wirken, doch „in den meisten Fällen läuft der Mechanismus einer 
erfolgreichen Behandlung hloß auf das Einsetzen eines neuen pathologischen Kom- 
plexes au die Stelle des unentdeckt gebliebenen ursprünglichen Komplexes 
hinaus". Der Psychoanalytiker wählt instinktiv sexuelle Komplexe zu diesem 
Ende, weil das starke natürliche Interesse an ihnen es ermöglicht, eine Asso- 
ziation in jeder beliebigen Vorstellung zu bilden. 

Dunlap erklärt, daß er jede Kritik dieser Erklärung, „wie streng sie 
immer sei", als schätzenswert entgegennehmen wolle, mit Ausnahme der Kritik, 
daß ihm für sein Thema die Erfahrung fehle ; zweifellos hat er den besten 
Grund, diese Ausnahme zu machen. Nebenbei bemerkt, benützt er durchgängig 
den Ausdruck „Freudo-Analysis" statt „Psycko-Analysis", ohne sich auf eine 
Rechtfertigung dieser Terminologie oder eine Mitteilung seiner Motive einzu- 
lassen. Ernest Jones. 



5« 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Im September 1915 hielt Herr Dr. Johs. Strömmein der Norwegi- 
schen Psychiatrischen Vereinigung einen Vortrag über „Die Psychoana- 
lyse and ihre Technik". Der Vortragende erklärte zu Beginn seiner Aus- 
führungen, daß er sich zur Schule Jungs rechne und sich nur mit dessen 
Theorie befassen werde. Demgemäß enthält der Vortrag eine Darstellung der 
Libidotheorie Jungs und seiner darauf fußenden analytischen Technik, ins- 
besonders auch der Traumdeutung, doch wird anerkannt, daß die ursprüng- 
liche und unmodifizierte Methode, wie sie von Freud gelehrt wurde, gründ- 
licher war und tiefer führte. „Wenn ich tiefergehend sage, muß dies nicht 
aufgefaßt werden, als ob Freud mehr oberflächlich sei. Im Gegenteil, nie- 
mand hat mehr ausführlich die latenten Traumgedanken bloßlegen können. 
Die Methode Jungs hält sich weit mehr an der Oberfläche. ..." Zu 
therapeutischen Zwecken genügt nach Ansicht des Vortragenden eine solche 
oberflächliche Analyse, weil sie „mehr als genügend Assoziationsmatorial 
produziert". Er schließt seine Darlegung mit den Worten: „Wir haben alle 
Grund Freud und Jung dankbar zu sein für den genialen Einsatz in 
dem Kampf gegen das soziale Übel : Die Neurose = die Faulheit = die 
Lebenslüge. " 



Im Frauenbildungsverein in Wien hielt Frau Dr. IL von II u g-H e 1 1- 
muth eine Vortragsreihe über „Neue Wege zum Verständnis der 
Kinderseele" mit folgendem Programm : 

I. Vortrag 18. Februar: Einführungsvortrag: Die Rolle des Unbewußten 
im Seelenleben des Erwachsenen und des Kindes. 

II. Vortrag 25. Februar: Das Liebesbedürfnis des Kindes. 

III. Vortrag 3. März: Das Triebleben des Kindes; seine Ein- und 
Unterordnung. 

IV. Vortrag 10. März : Die zweifache Lüge der Erwachsenen in der 
Kinderstube. 

V. Vortrag 17. März : Kinderlaunen, -Unarten und -fehler. 

VI. Vortrag 24. März: Vom Fragen der Kinder. 

VII. Vortrag 31. März: Das Kinderspiel. 

VIII. Vortrag 7. April. Kinderträume; Tagträume des Kindes. 

IX. Vortrag 14. April: Seelische Gesundheit des Kindes: die Vorbe- 
dingung zur Erzielung von Edelmenschen. 



In der „Wiener Urania" fand Sonntag den 27. Februar ein Vortrag 
von Dr. Hanns Sachs über „Traum und dichterische Phantasie" statt. 



Zur psychoanalytischen Bewegung. ß9 

Zwei Bücher von Herrn Prof. Freud, nämlich die „Studien über Hy- 
sterie" (mit Breuer) und „Über Psychoanalyse, fünf Vorlesungen gehalten 
zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark University in Worcester Mass. " sind 
nunmehr in 3. Auflage im Verlage von F. Deuticke erschienen. 



Im selben Verlage wurde ein neues Buch von Leo Kaplan (Zürich) ver- 
öffentlicht, das den Titel „Psychoanalytische Probleme" führt. 



Der Seminardirektor Dr. Schneider in Bern wurde von der Unterrichts- 
verwaltung seines Postens entsetzt. Die Grundlage dieser Maßregelung bildete 
der Bericht einer „Expertenkommission", welcher im Berner „Bund" vom 
28. Jänner 1916 abgedruckt wurde. Wir reproduzieren im folgenden jenen 
Teil des Berichtes, der sich mit der Psychoanalyse beschäftigt und halten jede 
polemische Stellungnahme für überflüssig : 

„Eine besondere Beurteilung erfordert der Unterricht Dr. Schneiders 
in der Psychologie. Schon im Jahre 1912 — wenn nicht vorher — hat im 
Psychologieunterricht am Oberseminar die Psychoanalyse einen großen Teil der 
Unterrichtszeit für sich in Anspruch genommen. Auf das Bedenkliche dieser 
Tatsache muß mit allem Nachdruck hingewiesen werden. Beilage I, 18 ff., 
führt uns in eine Atmosphäre, von deren Vorhandensein sich kaum jemand 
einen Begriff zu machen wagte. Zum Gegenstand selbst bemerken wir fol- 
gendes : Ohne Zweifel hat die Psychoanalyse über das Unterbewußtsein bemer- 
kenswerte Untersuchungen und Aufklärungen geliefert. Indessen fällt dem 
ruhig Urteilenden auf, daß einzelne Psychoanalytiker eine Formel gefunden 
zu haben glauben, mit der sie äußerst verwickelte Seelenvorgänge lösen wollen. 
Ferner überrascht das Gesuchte, Gekünstelte in vielen Beispielen, die 
sich auch in den zusammenfassenden Buche von Dr. Pf ist er in Zürich vor- 
finden. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß der Unter- 
suchende vielfach Dinge in die Menschen, insbesondere in die Kinder hinein- 
analysiert, von deren Richtigkeit, er bloß durch theoretische Spekulation 
überzeugt worden sei. Beispiele finden sich in der Beilage. Es müßte also 
eigentlich überraschen, daß ein Seminardirektor alle diese Behauptungen und 
Scheinbeweise kritiklos entgegennimmt und sie zum Gegenstand einer aus- 
führlichen Behandlung im Seminarunterricht wählt. Aber Herr Dr. Schneider 
verfügt nicht über die Kraft, geistige oder rein praktische Materien zu erfassen 
und sie selbständig zu verarbeiten, was schon in den Bemerkungen über 
sein Lehrverfahren eingangs angedeutet worden ist. 

Gesetzt nun aber den Fall, die Behauptungen der Psychoanalytiker seien 
von Anfang bis zu Ende richtig, so erhebt sich dennoch die Frage, ob dieses 
Gebiet im Seminarunterricht Verwertung finden solle. In dieser neuen Wissen- 
schaft spielt das Sexuelle eine Hauptrolle. Für uns steht es fest, daß, falls 
die Psychoanalyse im Seminarunterricht überhaupt berührt werden soll, dies 
mit demjenigen großen Maß von Takt geschehen müsse, das wir für die 
sexuelle Aufklärung verlangen. Theoretisch steht Dr. Schneider auf dem 
richtigen Boden, sagt doch der Beleg I, 21 u. ff: „Deshalb sollte man in 
der Schule die Sache ganz natürlich erwähnen. . . nicht aufklären wollen, die 
Gelegenheit an den Haaren herbeiziehen ; in feiner taktvoller Weise, nicht grob 
und allzu naturalistisch sein wollen; denn es ist ein feiner Schleier über das 
Sexuelle gelegt, die natürliche Scham, sie ist wie der Staub auf den Flügeln 



itq Zur psychoanalytischen Bewegung. 

des Schmetterlings." Dr. Schneider vergißt auch hier, wen er vor sich hat. 
Was er für den Unterricht in der Schule fordert, das fordern wir auch für 
den Unterricht im Seminar, wenn auch hier die Aufklärung weiter gehen darf. 
Nur fordert das „natürliche Erwähnen" eben auch feinen Takt; der aber 
hat Dr. Schneider völlig gefehlt. Wie hätte er sich sonst monatelang mit 
seinen Schülern in diesem Schlamm des Unterbewußtseins bewegen können? 

Was nun noch bedenklicher ist: Dr. Schneider hat Seminaristen ana- 
lysiert und dabei nicht bemerkt, daß er sich zum Schüler in ein Verhältnis 
begab, das beanständet werden muß. Und was müssen wir halten von einem 
Volksschullehrer, der dann gestützt auf seinen Seniinarunterricht seelische Re- 
gungen des Kindes kurzerhand auf die Sexualität zurückführt? 

Ferner hat Dr. Schneider in den Klassen Jahr für Jahr einzelne 
Schüler hypnotisiert. Welch nachteilige Wirkungen auf die Willenskraft der 
Versuchsobjekte eintreten bedarf keines Beweises. Dr. Schneider hat ferner 
den Seminaristen die Anschaffung des Buches von Dr. Pfi s ter empfohlen und 
erklärt noch jetzt, er sehe nicht ein, warum er das nicht tun solle. Er be- 
hauptet auch, was er jetzt treibe, sei gar nicht mehr Psychoanalyse. 

Wir wollen gern hoffen, daß er die krassen Ausführungen vom Jahre 
1912 seither gemieden habe; doch Beleg I, 10—17, beweist uns nur zur 
Genüge, daß er sich mit seiner Aussage täuscht und es ist bedenklich und 
für einen Seminardirektor endgültig belastend, daß er sich überhaupt jemals 
soweit hat gehen lassen und unbelehrbar ist." 

Herr Dr. Schneider hat eine Erwiderung publiziert, in welcher er 
unter anderem darauf hinwies, daß das Werk Pf isters bei hervorragenden 
Fachmännern, wie dem verstorbenen Prof. Dürr, reiche Anerkennung ge- 
funden hat.